Völkerwanderung – Wikipedia

Völkerwanderung

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Spangenhelm aus dem 6. Jahrhundert, Import aus oströmischen Werkstätten.

Der Begriff Völkerwanderung bezeichnet allgemein eine Wanderbewegung, bei der eine große Zahl Menschen aus einer Volksgruppe oder eine ganze Volksgruppe in ein anderes Gebiet umsiedelt. Die Gründe dafür können sehr vielfältig sein, in der Regel sind verschlechterte Lebensbedingungen ausschlaggebend.[1]

In der historischen Forschung wird unter dem Begriff Völkerwanderung im engeren Sinne die Wanderbewegung vor allem germanischer Völker im Zeitraum vom Einbruch der Hunnen nach Ostmitteleuropa 375/376, die damit eine Fluchtbewegung anderer Völker in diesem Raum auslösten, bis zum Einfall der Langobarden in Italien 568 verstanden.[2] Die Völkerwanderungszeit bildet damit ein Bindeglied zwischen der Spätantike und dem Beginn des europäischen Frühmittelalters, da man sie beiden Epochen zurechnen kann. Die Völkerwanderung stellt allerdings keinen einheitlichen und in sich abgeschlossenen Vorgang dar. Vielmehr spielten bei den Wanderungsbewegungen der zumeist heterogen zusammengesetzten Gruppen unterschiedliche Faktoren eine Rolle.

395 kam es nach dem Tod des Kaisers Theodosius I. zu einer faktischen Reichsteilung, wenngleich immer noch nominell zwei Kaiser über das Imperium herrschten und Gesetze für beide Teile Gültigkeit besitzen sollten. 382 und 418 wurden vertraglichen Regelungen zwischen der römischen Reichsregierung und den Westgoten getroffen, was schließlich eine Ansiedlung der Goten auf römischem Territorium zur Folge hatte. Auch die Franken wurden auf römischem Boden angesiedelt und übernahmen als Foederaten Aufgaben des Grenzschutzes im Nordosten Galliens. Nach dem Rheinübergang von 406 und dem Eindringen der Vandalen und Sueben in das Westreich zeichnete sich langsam, aber zunehmend der Zusammenbruch der weströmischen Verwaltungsordnung ab. Im Zusammenhang mit diesem Prozess kam es schließlich 476/80 zum Zusammenbruch des Weströmischen Reiches, während das Oströmische Reich die Völkerwanderungszeit weitgehend intakt überstand. Auf dem Boden des westlichen Imperiums entstanden demgegenüber ab dem 5. Jahrhundert germanisch-romanische Reiche, die die Kultur Europas im Mittelalter entscheidend prägen sollten.[3]

Viele Einzelaspekte der Völkerwanderung werden in der historischen Forschung heute sehr unterschiedlich bewertet. Da sich die Auflösung römischer Gesellschaftsstrukturen in Westeuropa mit einer unterschiedlichen Geschwindigkeit vollzog, variiert der zeitliche Rahmen dieses Prozesses je nach betroffener Region (siehe Ende der Antike).

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Allgemeiner Überblick

[Bearbeiten] Der Begriff Völkerwanderung

Der Begriff „Völkerwanderung“ taucht im Deutschen zuerst Ende des 18. Jahrhunderts auf. Das Deutsche Wörterbuch verzeichnet dazu die Abhandlung Geschichte der Deutschen von Michael Ignaz Schmidt aus dem Jahr 1778, in der von der „sogenannten Völkerwanderung“ die Rede ist.[4] Als feste Epochenbezeichnung benutzt ihn 1790/92 Friedrich Schiller, er fand dann im 19. Jahrhundert recht schnell allgemeine Verbreitung.[5] Außerhalb des deutschen Sprachraums wird bis heute der kriegerische Aspekt dieser Epoche hervorgehoben (barbarian invasions [nun verstärkt auch migration period]; invasion barbare; invasioni barbariche),[6] wenngleich die neuere Forschung betont, dass die Spätantike (und damit auch die Völkerwanderungszeit) eine Zeit des kulturellen Transformationsprozesses war, an dem auch die „Barbaren“ ihren Anteil hatten. Allerdings war auch dieser Prozess mit Gewalt und einem erheblichen materiellen Niedergang verbunden.[7]

[Bearbeiten] Ethnogenese

Die germanischen „Stämme“ (gentes, nationes) der Völkerwanderungszeit stellten nach heute dominierender Forschungsmeinung keine konstanten Einheiten oder Abstammungsgemeinschaften dar, auch wenn die Quellen dies teils suggerieren. Vielmehr konnten sich beispielsweise gotischen Verbänden auch Rugier oder Heruler anschließen; einzelne Individuen und ganze Gruppen konnten ihre „Ethnizität“ wiederholt wechseln. Die moderne Forschung hat nachgewiesen, dass Gleichartigkeiten der Sprache, der Kleidung oder der Waffen allein für eine ethnische Zuordnung kaum aussagekräftig sind.[8] Wichtig in der neueren Forschung ist in diesem Zusammenhang die Kategorie der Ethnogenese, die einen äußerst diffizilen Prozess darstellt. So wird die Entstehung von ethnischen Identitäten in der Spätantike heute nicht mehr als biologische Kategorie, sondern als historischer Prozess verstanden. Verschiedene Gruppen konnten sich demnach zu neuen zusammenschließen, wobei es in der Regel ausreichte, dem Verband loyal zu dienen.[9]

Die alte Vorstellung, eine ethnisch einheitliche Gruppe sei aus ihrer „Urheimat“ aufgebrochen, auf der Wanderung ein homogener Verband geblieben und habe sich am Ende ihrer Wanderung woanders neu angesiedelt, ist zumindest problematisch. Die moderne Forschung hat vielmehr aufgezeigt, dass die Identität einer gens in der Regel am Ende dieses Prozesses eine andere war als am Anfang,[10] zumal oft auch nur Teile einer gens an den Wanderungen teilnahmen. Ein Stamm war eher eine Rechtsgemeinschaft, die in Größe und ethnischer Zusammensetzung stark variierte. Ein verbindendes Element konnte ein Traditionskern (R. Wenskus) sein, der etwa durch die Führungsgruppe eines Verbandes repräsentiert wurde. Einen Zusammenhalt stifteten ansonsten wohl beispielsweise die Stammeslegenden (siehe Origo gentis), die die Herkunft der jeweiligen gens oft topisch auf mythische Gründer und eine angebliche skandinavische Heimat zurückführten. Allerdings werden diese Überlieferungen von der modernen Forschung – anders als früher – meistens mit großer Skepsis betrachtet.[11]

[Bearbeiten] Der Untergang Roms

Welche Rolle die Entwicklungen der Völkerwanderungszeit bei der Auflösung des Weströmischen Reiches spielten, ein in der Forschung immer wieder diskutiertes Problem, ist nicht pauschal zu beantworten. Sicher ist, dass Rom im späten 4. und im 5. Jahrhundert nicht mehr in der Lage war, dem „Völkersturm“ effektiv zu begegnen, wenn es teilweise auch gelang, barbarische Gruppen in das Imperium einzubinden (was aber nie von Dauer war). Die Errichtung der germanischen Königreiche (regna) im 5. und 6. Jahrhundert im Westen auf dem Boden des Imperiums lässt sich dabei nicht mehr so leicht erklären, wie es früher oft angenommen wurde, und war oft ein schleichender Prozess.[12]

Das Verdikt des französischen Althistorikers André Piganiol, der nach dem Zweiten Weltkrieg in seinem Werk L’Empire chrétien (veröffentlicht 1947) noch pauschal erklärte, die römische Zivilisation sei von den Germanen regelrecht ermordet worden, ist heute angesichts der neueren Forschung nicht mehr in dieser Form haltbar. In der älteren Forschung, besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zogen viele Historiker aus dem romanischen und angelsächsischen Raum derartige Formulierungen nicht zuletzt aufgrund der damaligen militärischen Auseinandersetzungen mit dem modernen deutschen Nationalstaat heran. Umgekehrt beriefen sich viele deutsch-nationale Historiker pathetisch auf das angebliche „germanische Erbe“, was besonders im Nationalsozialismus instrumentalisiert wurde.[13] Die neuere Forschung hingegen hat sich von vielen dieser alten Vorstellungen gelöst, zumal sich viele Erklärungsversuche schlicht als untauglich erwiesen haben, um den komplexen Vorgängen gerecht zu werden.[14]

Der Untergang Westroms wurde wohl vor allem durch den Einbruch der Hunnen in Gang gesetzt.[15] Das Oströmische Reich, das eigentlich das erste Ziel der hunnischen und gotischen Angriffe war, konnte die Völkerwanderungszeit im Gegensatz zum Westreich intakt überstehen, indem es teilweise gelang, Invasionswellen nach Westen abzulenken. Im Westen wäre zu klären, wie viel Substanz der klassisch-antiken Kultur im 5. und 6. Jahrhundert noch vorhanden war, zumal auf dem europäischen Festland oft eine germanisch-romanische Symbiose erfolgte.[16] Eine entscheidende Rolle bei der Auflösung Westroms spielten weniger die Barbaren im regulären römischen Heer als vielmehr die germanischen foederati. Diese ließen sich vom Kaiser immer schlechter kontrollieren, ersetzten schließlich weitgehend die regulären weströmischen Truppen und errichteten faktisch unabhängige Reiche. Diese akzeptierten dann allerdings mindestens bis in das 6. Jahrhundert formal die Oberhoheit des (ost-)römischen Kaisers, um so ihrer Herrschaft zusätzlich Legitimation zu verschaffen. Die höchst verlustreichen Gotenkriege Kaiser Justinians machten aber die Grenzen der militärischen Ressourcen Ostroms deutlich.

[Bearbeiten] Die germanisch-romanischen Regna

Die vielleicht wichtigste Leistung der römischen Staatlichkeit war das Entstehen der sogenannten regna (Reiche) auf dem Boden des Imperiums: Goten in Italien (wo später auch die Langobarden einfielen) und Hispanien, Vandalen in Nordafrika, Franken und Burgunden in Gallien; die Kleinreiche der Angelsachsen in Britannien nehmen dabei in gewisser Weise eine Sonderrolle ein. Diese trugen ganz wesentlich zum Werden Europas im Mittelalter bei. Ohne das Vorbild des spätantiken Römerreiches wären diese Reiche, die in vielerlei Weise an das Imperium anknüpften, allerdings undenkbar gewesen. Ohnehin waren die Germanen der Völkerwanderungszeit in der Regel bestrebt, an der römischen Kultur teilzuhaben bzw. sich ihrer Errungenschaften zu bedienen und sie nicht zu zerstören, wie das Beispiel des westgotischen Spanien und des ostgotischen Italien zeigt (siehe unten). Der Mediävist Patrick J. Geary erklärte dazu:

„Die germanische Welt war vielleicht die großartigste und dauerhafteste Schöpfung des militärischen und politischen Genies der Römer.“

– Patrick Geary: Die Merowinger. München 1996, S. 7.

Andererseits wurde die Integration der Germanen oft durch das unterschiedliche christliche Bekenntnis erschwert (die in das Imperium eingedrungenen Germanen nahmen, sofern vorher Heiden, recht rasch den christlichen Glauben an), da sie im Gegensatz zur katholisch-römischen Mehrheitsbevölkerung in der Regel dem arianischen Christentum anhingen. Zahlenmäßig waren die Germanen den Römern jedoch deutlich unterlegen. Auch wenn meistens nur Schätzungen möglich sind, da die antiken und mittelalterlichen Autoren oft zu Übertreibungen neigten, waren wohl 20–30.000 Kämpfer das Limit. Oft waren es wesentlich weniger.[17] Die Germanen bildeten jedenfalls eine verschwindend geringe Minderheit gegenüber der römischen Provinzbevölkerung und gingen daher oft zu einer (wenigstens bedingten) Kooperationspolitik über, sodass es angemessen erscheint, von germanisch-romanischen Reichen zu sprechen.[18] Von diesen regna hatten nur die Reiche der Franken, Langobarden, Angelsachsen und Westgoten längere Zeit Bestand.

[Bearbeiten] Germanische Wanderungsbewegungen vor dem Einfall der Hunnen

Wanderungen des zweiten bis fünften Jahrhunderts.

Schon vor dem Beginn der eigentlichen Völkerwanderung hatte es im außerrömischen Barbaricum Völkerwanderungsbewegungen der Germanen gegeben. Bereits Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. trafen die Römer auf Kimbern und Teutonen und hielten deren Zug auf. Auch später kam es zu militärischen Konflikten. Die Germanen, die nie eine politische Einheit darstellten und den Römern zahlenmäßig nicht überlegen waren, traten aber auch friedlich in Kontakt mit Rom. An der Grenze wurde Handel getrieben und Germanen dienten nicht selten im römischen Heer.[19] Über viele Wanderungsbewegungen jenseits des römischen Horizonts wissen wir dennoch oft nur aus zumeist mündlich tradierten Berichten, die später schriftlich festgehalten wurden und dabei oft mythisch verklärt sind. Die wohl bekannteste dieser Ursprungsgeschichten, eine sogenannte Origo gentis, ist die Gotengeschichte (oder Getica) des Jordanes aus dem 6. Jahrhundert. Entgegen seiner Darstellung, dass die Goten aus Skandinavien stammen würden, sind sie nach heutiger Erkenntnis im 2. Jahrhundert n. Chr. von dem Gebiet an der Weichsel in Richtung Schwarzes Meer gezogen.[20] Die Goten verursachten damit die erste größere Wanderbewegung und verdrängten die Vandalen und Markomannen nach Süden und die Burgunden nach Westen. Diese Bevölkerungsverschiebungen waren einer der Auslöser für die Markomannenkriege, in denen Rom der Germanen nur mit Mühe Herr werden konnte.[21] In den 50er und 60er Jahren des 3. Jahrhunderts, als Rom mit den Symptomen der Reichskrise zu kämpfen hatte, stießen gotische Gruppen immer wieder auf den Boden des Imperiums vor.[22]

Etwa um 290 teilten sich die Goten in Terwingen/Visigoten und Greutungen/Ostrogoten auf.[23] Die Greutungen/„Ostgoten“ siedelten sich im Schwarzmeerraum der heutigen Ukraine an. Die Terwingen/„Westgoten“ ließen sich vorerst auf der Balkanhalbinsel nieder, im Raum nördlich der Donau im heutigen Siebenbürgen. Die Terwingen gerieten dabei in direkten Kontakt mit Rom, es kam sogar zu militärischen Auseinandersetzungen, die aber nicht entscheidend waren. 332 erhielten die Donaugoten den Status von foederati, mussten also Rom vertraglich garantierte Waffenhilfe leisten. Der Gotenzug ist vor allem deshalb von Interesse, weil die nachfolgende Entwicklung gerade für die Goten nachhaltige Folgen hatte: Der Hunneneinbruch 375 (siehe unten) vertrieb sie nicht nur aus ihrer neuen Heimat, sondern setzte durch das darauffolgende Übersetzen der Goten ins Imperium einen Prozess in Gang, in dessen Folge Rom ums Überleben zu kämpfen hatte.

Etwa zur gleichen Zeit wie die Goten wanderten die Langobarden von der Unterelbe nach Mähren und Pannonien. Kleinere Einfälle in römisches Herrschaftsgebiet wurden in dieser Zeit entweder zurückgeschlagen oder endeten mit kleineren Grenzkorrekturen. Weiter im Westen durchbrach die Stammeskonföderation der Alamannen im 3. Jahrhundert die römischen Grenzbefestigungen, den obergermanisch-raetischen Limes, und siedelte sich im sogenannten Dekumatland an. Viele Stämme wurden auch als Bundesgenossen gezielt an den Grenzen des Reiches angesiedelt und bildeten Puffer zu feindlicher gesinnten Stämmen (siehe Föderaten).

Rom hatte aus den Germaneneinfällen des 3. Jahrhunderts gelernt und im frühen 4. Jahrhundert umfassende militärische Reformen in Angriff genommen. Die Kaiser Diokletian und Konstantin der Große, der das Christentum im Imperium privilegierte (Konstantinische Wende), bauten das Bewegungsheer (comitatenses) aus und sicherten somit noch einmal die Grenzen. Der spätere Kaiser Julian konnte noch 357 in der Schlacht von Argentoratum ein zahlenmäßig wohl überlegenes alamannisches Aufgebot vernichten. Trotz der Schwierigkeiten, in die Rom im 3. Jahrhundert durch die Bildung gentiler Großverbände wie der Alamannen und Franken geraten war, war es militärisch diesen Vorstößen immer noch gewachsen.[24] Doch mit dem Einfall der Hunnen änderte sich die Bedrohungslage fast schlagartig. Dies und der Umstand, dass sich in der Folgezeit die Qualität der wandernden gentes veränderte, sind die wichtigsten beiden Merkmale der Völkerwanderung, durch die sich diese trotz des relativ unscharfen Begriffs von den vorherigen Wanderungsbewegungen unterscheidet.[25]

[Bearbeiten] Die Völkerwanderungszeit

Karte Europas, Völkerwanderung mittels Pfeilen eingezeichnet – Kenntlich sind auch die Siedlungsräume germanischer Stämme innerhalb des Imperium Romanum

[Bearbeiten] Der Hunneneinbruch und seine Folgen

„Hunorum gens monumentis veteribus leviter nota ultra paludes Maeoticas glacialem oceanum accolens, omnem modum feritatis excedit. […] Hoc expeditum indomitumque hominum genus, externa praedandi aviditate flagrans inmani, per rapinas, finitimorum grassatum et caedes ad usque Halanos pervenit, veteres Massagetas“

„Das Hunnenvolk, in alten Berichten nur wenig genannt, wohnt jenseits der Mäotischen Sümpfe zum Eismeer zu und ist über alle Maßen wild. […] Diese kampftüchtige, unbändige Menschenrasse brennt vor entsetzlicher Gier nach Raub fremden Gutes; plündernd und mordend überfiel sie damals ihre Grenznachbarn und drang bis zu den Alanen, den einstigen Massageten, vor.[26]

– Ammianus Marcellinus, Res Gestae, 31, 2, 1; 31, 2, 12.

Der Bericht des römischen Geschichtsschreibers und ehemaligen Offiziers Ammianus Marcellinus, den dieser im 31. Buch seines Geschichtswerks darlegt, ist die einzige zusammenhängende Darstellung des Einfalls der Hunnen. Ammianus, ein ansonsten sehr zuverlässiger Berichterstatter, wusste aber nur aus zweiter Hand von den Ereignissen, die sich um 375 außerhalb des römischen Blickfelds im Gebiet der heutigen Ukraine ereigneten. Ammianus beschreibt die Hunnen jedenfalls mehr als Bestien denn als richtige Menschen. Er schildert, wie die Hunnen zunächst die Alanen niederwarfen und dann das gotische Greutungenreich Ermanarichs in der heutigen Ukraine vernichteten, wobei die Alanen wohl mit den Hunnen kooperierten.[27] Wer aber die Hunnen genau waren und woher sie stammten, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Die in der älteren Forschung teils vertretene Ansicht, sie seien mit den in chinesischen Quellen erwähnten Xiongnu verwandt, wird inzwischen von der Mehrheit der modernen Forscher abgelehnt oder wenigstens sehr skeptisch gesehen, da auch ein großer zeitlicher Abstand zwischen dem Erscheinen der beiden Gruppen liegt. Über die Ursachen der hunnischen Wanderungsbewegung kann ebenso nur spekuliert werden.[28] In den antiken Quellen wird übereinstimmend ihre Grausamkeit und Kulturlosigkeit herausgestellt, wobei der Begriff „Hunnen“ später von westlichen Autoren allgemein benutzt wurde, um Völkergruppen zu bezeichnen, die aus der zentralasiatischen Steppe auftauchten (wie vorher die Bezeichnung „Skythen“). Einige Christen sahen das plötzliche Auftauchen der Hunnen, die mit großer Brutalität und Schnelligkeit agierten und mit den Kompositbögen eine neue Waffe einsetzten, sogar als eine Strafe Gottes an.[29]

Sicher ist, dass die Hunnen, die wohl nicht unter einheitlicher Führung operierten, auf ihrem weiteren Zug nach Westen eine wellenartige Fluchtbewegung mehrerer germanischer und sarmatischer Stämme nach Süd- und Westeuropa auslösten. Die Greutungen gerieten größtenteils unter ihre Herrschaft, wenn sich auch einzelne Gruppen dem Zugriff entziehen konnten (und andere dies später ebenfalls immer wieder versuchten). Der hunnische Druck hatte auch die Flucht des Großteils der terwingischen Goten an der Donau zur Folge. Unter ihrem neuen Anführer Fritigern baten sie den römischen Kaiser Valens, der den Osten des Imperiums regierte, um die Erlaubnis, sich auf römisches Gebiet begeben zu dürfen. Valens kam diesem Ersuchen schließlich nach, und so strömten im Jahr 376 mehrere Tausend Terwingen und andere Flüchtlinge über die Donau ins Römische Reich.[30] Allerdings hatte man auf römischer Seite offenbar die Zahl der Flüchtlinge völlig unterschätzt und es noch dazu versäumt, diese auch zu entwaffnen. Infolge römischer Versäumnisse und Inkompetenz stockten die Nahrungslieferungen an die Goten, die zudem schlecht behandelt wurden. Wohl Anfang 377 erhoben sie sich daraufhin gegen die Römer.[31]

Die folgenden Ereignisse schienen zunächst nicht ernsthaft bedrohlich. Valens zog Truppen zusammen, um gegen die Goten in Thrakien vorzugehen. Während der Operationen im Sommer 377 mussten die Römer jedoch erkennen, dass die Goten nicht so leicht auszuschalten waren. Valens begab sich im Frühjahr 378 selbst nach Thrakien und tauschte mehrere Offiziere aus. Auch Valens’ Neffe und Kaiser im Westen, Gratian, hatte direkte Hilfe versprochen, doch wurde er durch einen Einfall der Alamannen gebunden; der damit verbundene Vorstoß Gratians über den Rhein war der letzte eines römischen Kaisers. Am 9. August 378 kam es dann in Thrakien, im heute europäischen Teil der Türkei, zur Schlacht von Adrianopel zwischen den Goten und der römischen Armee. Ohne größere Not hatte Valens sich mit etwa 30.000 Mann, den besten Einheiten der östlichen Hofarmee, auf das offene Feld begeben.[32] Die Terwingen hatten allerdings ebenfalls Unterstützung erhalten und zwar in Form der sogenannten Dreivölkerkonföderation, die aus Greutungen, Alanen und sogar aus geflüchteten Hunnen bestand, die sich dem Zugriff der Hauptmasse der Hunnen entzogen hatten.[33] Zudem hatten die römischen Späher die Stärke des feindlichen Heeres unterschätzt, das wohl etwa 20.000 Mann betragen hat. Die Römer, erschöpft vom Marsch in der Sommerhitze und noch dazu ohne ausreichende Verpflegung, konnten gegen die wendig operierenden feindlichen Reiter wenig ausrichten, während das gotische Fußvolk den Römern ebenfalls schwer zu schaffen machte. Am Ende entkamen nur rund ein Drittel der römischen Soldaten. Auch Kaiser Valens fiel, weitaus schwerwiegender war aber, dass mit ihm mehrere der besten römischen Einheiten im Osten vernichtet wurden sowie eine Vielzahl hoher und erfahrener römischer Offiziere fielen, darunter zwei Heermeister.[34] Ammianus, der um 391/94 sein Werk niederschrieb, ließ dieses mit der Schlacht von Adrianopel enden, die er mit der Schlacht von Cannae verglich,[35] auf die aber bekanntlich der römische Sieg folgte.

[Bearbeiten] Von Adrianopel bis zur Plünderung Roms 410: Die Goten im Imperium Romanum

Darstellung Theodosius’ I. auf einer römischen Münze

[Bearbeiten] Der Gotenvertrag von 382

Tatsächlich waren die Folgen der Niederlage von Adrianopel zwar schwerwiegend, aber keineswegs der Anfang vom Ende des Imperiums. Thrakien stand den Goten zwar weitgehend offen, dennoch konnten sie den Sieg nicht wirklich ausnutzen.[36] Gratian eilte nun aus dem Westen herbei und sah sich gezwungen, einen neuen Kaiser im Osten einzusetzen. Er entschied sich für den aus Spanien stammenden Römer Flavius Theodosius, dessen gleichnamiger Vater bereits ein sehr erfolgreicher General gewesen war.[37] Theodosius, der das Christentum zur Staatsreligion erheben sollte, erwies sich als ein weitaus fähigerer Kaiser als Valens. 379 bezog er in Thessaloniki Quartier und führte mehrere Operationen gegen die Goten durch. Allerdings litt die römische Offensive unter dem Mangel an erfahrenen Soldaten und qualifizierten Offizieren, so dass sich Theodosius schließlich gezwungen sah, auf „Barbaren“ zurückzugreifen. Gratian, der 380 Elemente der Dreivölkerkonföderation in Illyrien ansiedeln konnte, sandte erfahrene Offiziere in den Osten, darunter Bauto und Arbogast den Älteren. Es war aber der römische Heermeister Flavius Saturninus, der im Oktober 382 mit den Goten in Thrakien einen Frieden aushandeln konnte.

Der Gotenvertrag sah vor, dass die Goten sich auf Reichsboden an der unteren Donau ansiedeln durften. Sie wurden zu Reichsangehörigen und von der Steuer befreit. Allerdings wurde ihnen das conubium verweigert, sie durften also keine Ehen mit römischen Bürgern eingehen. Das von ihnen besiedelte Land blieb weiterhin römisches Staatsgebiet, wenn es auch einen autonomen Status erhielt. Als Gegenleistung mussten die Goten in Kriegszeiten unter eigenen Anführern dienen, das Oberkommando kam aber römischen Offizieren zu.[38] Der Vertrag wurde früher oft als Beginn vom Ende des Imperiums angesehen, da Barbaren nie zuvor ein halbautonomes Siedlungsgebiet zugestanden worden war, noch dazu in relativer Nähe zur Reichszentrale. Allerdings betont ein Teil der neueren Forschung, dass der Vertrag in den Kernpunkten nicht wesentlich über frühere Föderatenabkommen hinaus ging:[39] Rom behauptete seinen Führungsanspruch und profitierte von den nun zur Verfügung stehenden Truppen, auf die es Theodosius vor allem ankam, da es immer schwieriger wurde, genügend Römer für den Militärdienst einzuziehen. Wenn sich später auch die Nachteile dieser Regelung bemerkbar machten, da diese mit hohen finanziellen Zuwendungen verknüpft war, kann die Ansiedlung kaum als der Beginn der Bildung germanischer regna auf dem Boden des Imperiums interpretiert werden.[40]

[Bearbeiten] Die Goten als Föderaten und als Gegner Roms

Die gotischen foederati sollten eine wichtige Rolle in der Militärpolitik Kaiser Theodosius’ I. spielen. Dass Theodosius ganz handfeste realpolitische Ziele verfolgte und nicht einfach ein „Freund des gotischen Volkes“ war, wie Jordanes berichtet,[41] bezeugen die hohen Verlustraten gotischer Truppen auf seinen Feldzügen. Schließlich scheiterte die vom Kaiser betriebene Integrationspolitik hinsichtlich der Goten: Auch wenn etwa Fravitta und andere treu zu Rom standen, waren andere Goten unzufrieden mit der Vereinbarung. Bereits 391 hatten sich einige von ihnen erhoben und konnten nur mit Mühe vom römischen General Stilicho zurückgeschlagen werden, 392 erneuerten sie den Vertrag von 382. In diesem Zusammenhang taucht in den Quellen das erste Mal der Name Alarich auf, der aus der adligen Familie der Balthen stammte und Anführer der sich nun formierenden Westgoten wurde.[42]

Im Krieg gegen den Usurpator Eugenius hatten die Goten wieder hohe Verluste zu beklagen gehabt, wobei nicht auszuschließen ist, dass Theodosius sie ganz bewusst verbluten ließ, um so einen potentiellen Gegner zu schwächen. Als Theodosius Anfang 395 in Mailand starb, erhielten die Goten die Erlaubnis nach Osten zurückzukehren. Bald mussten sie jedoch feststellen, dass ihr Siedlungsland von den Hunnen verwüstet worden war. Verbittert zog Alarich mit den Goten gegen Konstantinopel, um einen neuen Vertrag zu erzwingen.[43] Die beiden folgenden Jahre waren von einem ständigen auf und ab gekennzeichnet, in dem Stilicho der Gegenspieler der Westgoten wurde und Alarich zwischen die Fronten des sich zuspitzenden Konflikts zwischen West- und Ostrom geriet, die nach der Reichsteilung von 395 immer mehr auf Konfrontationskurs gingen.

Gotische Adlerfibel

397 wurden die Goten in Epirus angesiedelt, zogen aber 401, vielleicht aufgrund einer anti-gotischen Stimmung im Ostreich, wieder ab. Sie zogen plündernd durch den Balkanraum und Griechenland fielen schließlich sogar in Italien ein, wo sie aber 402 bei Verona eine schwere Niederlage erlitten. Wie schon einige Jahre zuvor versuchte Stilicho, der neue starke Mann im Westen, dem die Leitung der Reichsgeschäfte faktisch allein zufiel, die Goten für seine Zwecke zu instrumentalisieren.[44] Stilicho plante sogar ein gemeinsames Vorgehen gegen Ostrom, doch da brach 405/06 unerwartet der Gote Radagaisus mit einem gewaltigen Heer mit Tross, das der hunnischen Umklammerung entkommen war, in Italien ein. Stilicho musste eiligst Truppen zusammenziehen. Es gelang ihm zwar mit hunnischer Unterstützung Radagaisus und dessen polyethnisch zusammengesetzten Verband zu stellen und zu schlagen, doch verlor er das Interesse an Alarich.[45] Dieser reagierte darauf, indem er seine eigenen Truppen an der Grenze Italiens zusammenzog und einen hohen Geldbetrag von der weströmischen Regierung in Ravenna einforderte.[46] Stilicho lenkte nun ein, zumal sich in Britannien 407 der General Konstantin erhoben hatte und nach Gallien übergesetzt war, wo die Rheingrenze kollabiert war (siehe unten): Alarich wurde das Heermeisteramt versprochen, worauf dieser wiederholt spekuliert hatte, um so seine Stellung gegenüber der römischen Regierung zu verbessern. Vor allem sollten die materiellen Wünsche der Goten erfüllt werden. Da aber fiel Stilicho einer Intrige zum Opfer. Er wurde Ende August 408 hingerichtet, auch der Großteil seiner Familie und seiner Anhänger kam ums Leben.[47]

[Bearbeiten] Die Eroberung Roms 410

Mit der Ermordung des ehrgeizigen, aber dem weströmischen Kaiser gegenüber loyalen Generals Stilicho sollte man sich in Ravenna jedoch verkalkuliert haben: Ganze Verbände barbarischer Truppen, die unter Stilicho gedient hatten, gingen zu den Goten über, darunter wohl auch die 12.000 Krieger, die der General aus dem Radagaisusheer in das Reichsheer übernommen hatte. Der schwache weströmische Kaiser Honorius weigerte sich zu verhandeln, so dass Alarich handelte und insgesamt dreimal gegen Rom zog, um seine Forderungen durchzusetzen. Rom war zwar schon seit Jahren nicht mehr die Hauptstadt des Imperiums, doch hatte es seine Bedeutung als Symbol nicht verloren. Im Oktober 408 konnte man sich in Rom, wo Durst und Hunger herrschten, noch gegen eine gewaltige Summe freikaufen.[48] Doch weder die römischen Senatoren noch der Bischof von Rom konnten den Kaiser im sicheren Ravenna dazu bewegen, mit den Goten zu verhandeln. So erschien Alarich wieder vor Rom und setzte sogar mit dem Senator Priscus Attalus einen Gegenkaiser ein, der aber die Hoffnungen Alarichs nicht erfüllen konnte und schon 410 wieder abgesetzt wurde; ebenso zerschlugen sich die Hoffnungen, nach Nordafrika übersetzen zu können. Wenigstens konnten die Goten den römischen General Sarus, einen ehemaligen Konkurrenten Alarichs bei der Führung der Goten, schlagen.[49] Schließlich sah Alarich, aller Optionen beraubt, nur noch einen Ausweg. Am 24. Oktober 410 drangen die Goten in die alte Metropole am Tiber ein und plünderten sie regelrecht, wobei Alarich, wie die meisten Goten inzwischen ein Christ, aber darauf bestand, dass die Kirchen verschont wurden.[50]

Die Eroberung Roms, die erste seit dem Galliersturm 387 v. Chr., war vor allem auf die starre Haltung des Honorius zurückzuführen. Dieser hatte offenbar den Ernst der Lage nicht richtig erkannt, und diesmal war kein Stilicho zur Hand, um mit den Goten fertig zu werden. Diesen ging es keineswegs um die Zerstörung Roms. Die sich hinziehenden Verhandlungen verdeutlichen vielmehr, dass Alarich für sich und sein Volk gesichertes Siedlungsland erhalten und von Rom als Partner anerkannt werden wollte.[51] Die römische Germanenpolitik versagte, acht Jahre später hingegen sah man in der Ansiedlung der Goten sogar eine Möglichkeit, das Imperium zu stabilisieren (siehe unten). Alarich hingegen, der vor dem Dilemma stand, keinen Ausweg zu sehen (insofern mutet die Eroberung Roms nicht als Lösung, sondern eher als eine Art Verzweiflungstat an), starb wenig später, die Führung der Goten übernahm sein Schwager Athaulf.

Die Plünderung Roms war ein Schock für die gesamte römische Welt und rief Endzeitängste unter den Christen hervor, während die Heiden dies als gerechte Strafe dafür ansahen, dass Rom den alten Kulten den Rücken gekehrt hatte. Der große Kirchenlehrer Augustinus von Hippo sah sich veranlasst, sein Werk De Civitate Dei zu verfassen, um mögliche Erklärungsmuster aufzuzeigen. Orosius wiederum versuchte in seiner Historiae adversum paganos nachzuweisen, dass das heidnische Rom viel schlimmere Schicksalsschläge erlitten hatte. Der gelehrte Diskurs wirkte tiefgreifend und nachhaltig. Es bleibt festzustellen, dass die Plünderung Roms weniger realpolitische als ideengeschichtliche Konsequenzen hatte und bis heute prägend gewirkt hat.[52]

[Bearbeiten] Der Rheinübergang von 406/07 und seine Folgen: Die Ansiedlung der Goten in Aquitanien und die Vandalen in Nordafrika

Das römische Reich zum Zeitpunkt des Todes Theodosius’ I. 395 n. Chr.

[Bearbeiten] Der Zusammenbruch der Rheingrenze: Invasionen und Usurpationen

Am 31. Dezember 406 überschritt eine große Anzahl barbarischer Stämme, vielleicht auf der Flucht vor den Hunnen oder aufgrund von Nahrungsmittelknappheit, den Rhein bei Mogontiacum (siehe Rheinübergang von 406).[53] Die drei größten Gruppen stellten die Vandalen, Sueben und Alanen dar. Die Vandalen selbst waren unterteilt in zwei Unterstämme, die Hasdingen und die Silingen, und hatten um 400 ihren Stammsitz etwa im Süden des heutigen Polens sowie im heutigen Tschechien, Teile waren aber bereits von Kaiser Konstantin dem Großen in Pannonien angesiedelt worden.[54] Im Winter 401/02 überfielen sie die römische Provinz Raetia, Teile schlossen sich dem oben beschriebenen Zug des Radagaisus an. Die Identität der Sueben ist problematischer, da der Terminus zwar in älteren Quellen gebraucht wurde, dann aber um 150 n. Chr. verschwindet und erst später wieder benutzt wurde. Wie die Vandalen lebten sie aber westlich der Karpaten und sind weitgehend mit den früheren Quaden identisch.[55] Die iranischen Alanen waren aus ihrer alten Heimat von den Hunnen vertrieben worden. Teile von ihnen waren ebenfalls 405/06 mit Radagaisus gezogen und hatten sich nach dessen Untergang mit vandalischen Gruppen zusammengeschlossen. Auch die Sueben stießen dazu und gemeinsam drangen sie in das Innere Galliens vor. Föderierte Franken, die hier schon seit der Mitte des 4. Jahrhunderts angesiedelt waren, stellten sich den Angreifern ohne Erfolg entgegen. Die Quellenlage erlaubt es zwar nicht, die Invasion in allen Einzelheiten nachzuvollziehen. Die Invasoren zogen aber anscheinend in den Westen und Norden Galliens, um sich dann nach Süden und Südwesten zu wenden.[56] In den verstreuten Quellen wird auch die Verwüstung dieses Zuges überdeutlich, ohne dass die wenigen am Rhein stationierten weströmischen Streitkräfte ernsthaft etwas dagegen unternehmen konnten. Allerdings wurde die Rheinverteidigung einige Jahre später noch einmal kurzfristig wiederhergestellt. Der Mainzer Militärdistrikt (Dukat) ist womöglich auch erst nach den Ereignissen 406/07 neu eingerichtet worden.

Solidus mit dem Bildnis Konstantins III.

Der Zusammenbruch der Rheingrenze 406/407, der einem Dammbruch gleichkam, war wohl schon vorher absehbar geworden. So war bereits um 400 der Sitz der Gallischen Präfektur, der neben der Italischen Präfektur obersten Verwaltungsbehörde des Weströmischen Reichs, von Trier nach Arles verlegt worden. Der Erfolg der Invasoren war durch die oben beschriebenen Kämpfe Stilichos mit Radagaisus und den Goten begünstigt, so dass Gallien von Truppen weitgehend entblößt worden war. Aus diesem Umstand erklärt sich der Versuch Stilichos, Alarichs Goten zu gewinnen und mit ihrer Hilfe die Ordnung wiederherzustellen. Durch den Tod des Generals im August 408 hatten sich diese Pläne allerdings zerschlagen. Der Usurpator Konstantin III., der letzte einer ganzen Reihe britannischer Usurpatoren (siehe Marcus und Gratian), setzte bereits 407 mit den Resten des britannischen Feldheeres nach Gallien über und sicherte sich so vorläufig einen eigenen Machtbereich.[57] Gleichzeitig leistete der Abzug der römischen Truppen von der Insel dem bald darauf folgenden Verlust Britanniens Vorschub. Pikten und irische Stämme suchten die römische Provinz heim, die bald in selbstständige Einheiten zerfiel. Daraufhin rief man um 440 die Sachsen zur Hilfe, was allerdings eine germanische Landnahme zur Folge hatte, wenngleich sich römisch-britische Kleinreiche im heutigen Wales und Südwestengland noch längere Zeit halten konnten.[58]

Die Usurpation Konstantins stand wohl in Zusammenhang mit dem Kollaps der Rheingrenze, der auch in Britannien für Unruhe gesorgt hatte. Konstantin III. gelangen einige beachtliche Erfolge; so schloss er Verträge mit barbarischen Stämmen, was die Lage in Gallien wenigstens beruhigte und ihm Truppen verschaffte. Konstantin, der vor allem im südgallischen Arles residierte, wurde aber 411 vom neuen Heermeister (und späteren Mitkaiser) Constantius geschlagen und hingerichtet. 413 konnte die Rebellion endgültig niedergeschlagen werden. In Gallien nahm das Chaos noch weiter zu, nachdem sich der gallische Adlige Jovinus 411 mit Hilfe alanischer Truppen unter Goar und den ebenfalls an den Rhein vorgedrungenen Burgunden unter Gundahar, die bald darauf am Mittelrhein ein eigenes Reich errichteten, zum Kaiser ausrief.[59]

Kaiser Honorius schien die Kontrolle über Gallien vollkommen zu entgleiten. Schließlich erhob sich in Hispanien der Usurpator Maximus, der sich aber nicht lange hielt. Die Goten unter Athaulf, dem Nachfolger Alarichs, hatten sich nach der Plünderung Roms aus Italien zurückgezogen und waren dann von Jovinus umworben worden. Allerdings war dieses Bündnis, wie schon im Fall des Attalus, nur von kurzer Dauer; Athaulf ließ Jovinus bald schon wieder fallen.[60] 414 heiratete in Narbonne die Schwester des Honorius, Galla Placidia, die zuvor bei der Plünderung Roms 410 in die Hände der Goten geraten war, Athaulf, der aber 415 ermordet wurde. Dennoch ist diese Episode interessant, denn Athaulf, unter dem die „Verreiterung“ der Westgoten ihren Abschluss fand,[61] soll im Rahmen der Hochzeit sogar erklärt haben, dass er die Romania durch eine Gothia habe ersetzen wollen, nun aber eingesehen habe, dass die Barbarei der Goten dies unmöglich mache.[62] Ob nun diese Worte authentisch sind oder nicht, offenbar sehnten sich die Goten nach Siedlungsland, das von Rom anerkannt war. Vor allem deshalb wollte Athaulf in die theodosianische Dynastie einheiraten. Anerkennung konnte er als Gote und arianischer Christ freilich nicht erhoffen.

[Bearbeiten] Die Ansiedlung der Westgoten in Aquitanien

Solidus Constantius’ III., der erfolgreich Krieg gegen verschiedene Usurpatoren und Invasoren führte.

Honorius’ Feldherr Constantius hatte sich im Krieg gegen den Usurpator Konstantin als ein talentierter General erwiesen. Bald wurde jedoch klar, dass man den Invasoren nur mit zusätzlichen Truppen entgegentreten konnte. Darum wandte sich die weströmische Regierung wieder an die Westgoten. Deren Anführer war seit Ende 415 Wallia, der den Krieg gegen die Römer zwar zunächst fortsetzen und sogar nach Nordafrika übersetzen wollte, Anfang 416 aber vor Constantius kapitulieren musste. In diesem Zusammenhang kehrte Galla Placidia zurück, die Constantius dann am 1. Januar 417 heiratete. Damit trat er in gewisser Weise das Erbe Stilichos an.[63] Die Goten wurden zu römischen foederati und Constantius setzte sie gleich dazu ein, die in Hispanien eingefallenen Germanen und Alanen zu bekämpfen, was die Westgoten in den folgenden beiden Jahren mit einigem Erfolg taten.[64]

418 wurden die Westgoten in Aquitanien, also im Südwesten Galliens angesiedelt. Einzelheiten sind sowohl über den Vertrag von 416 wie über den von 418 nicht bekannt und müssen vielmehr aus verstreuten Quellenaussagen herausgefiltert werden.[65] Zahlreiche Punkte sind daher in der modernen Forschung umstritten. So folgte wohl der Unterwerfung (deditio) ein offizieller Vertrag (foedus): Die Westgoten wurden im Garonnetal von Toulouse bis nach Bordeaux angesiedelt. Besonders kontrovers wird diskutiert, ob die Goten, wie auch sonst im römischen Föderatensystem üblich, durch das hospitalitas-System versorgt wurden, also ihnen Land zugeteilt wurde, oder ob sie einen Anteil an den Steuereinnahmen erhielten.[66] Ebenso wie die genauen Modalitäten des Vertrags umstritten sind, so gilt dasselbe für die Auswirkungen der Ansiedlung. Auch wenn die Westgoten später immer wieder, vor allem aufgrund der Schwäche der weströmischen Regierung, eine Expansionspolitik betreiben sollten, was schließlich zu einer faktischen Unabhängigkeit des westgotischen Föderatenreichs führte (sogenanntes Tolosanisches Reich), so stabilisierten sie doch die Lage in Gallien.[67] Die Ansiedlung geschah wohl in Kooperation mit der gallo-römischen Oberschicht, zumal die Goten im Verhältnis zu den einheimischen Romanen nur einen verschwindend geringen Anteil an der Bevölkerung ausmachten, was im Übrigen für alle germanischen gentes der Völkerwanderungszeit gilt.[68]

[Bearbeiten] Die Vandalen in Hispanien und die Eroberung Africas

In der Zwischenzeit hatten sich die Vandalen sowie ein Großteil der Sueben und Alanen 409 von Gallien nach Hispanien abgesetzt.[69] Eine wichtige Quelle für die Ereignisse auf der Iberischen Halbinsel stellt die Chronik des Bischofs Hydatius von Aquae Flaviae dar. Darin äußerte sich dieser entsetzt über die Verwüstungen, die mit der Invasion einhergingen. 411 konnten die Eindringlinge der Regierung in Ravenna einen Vertrag abringen, dessen Inhalt uns Hydatius überliefert hat. Demnach sollten sich Teile der Vandalen und die Sueben im Nordwesten der Halbinsel ansiedeln, die Alanen in Lusitanien und der Carthagena, die silingischen Vandalen in der Baetica.[70] Als dann 416 wie bereits beschrieben die Westgoten, jetzt als Föderaten Roms, daran gingen, Hispanien von den Invasoren zu befreien, vernichteten sie den größten Teil der im Süden siedelnden Silingen und Alanen. Ihre Reste schlossen sich dem Vandalenkönig Gunderich an. Dieser erwies sich als ein talentierter Anführer, so dass die Vandalen und Alanen zu einer wesentlich homogeneren Gruppe zusammenwuchsen. Während die Sueben im Nordwesten zurückblieben, marschierten die Vandalen und Alanen nach Süden. 422 schlugen sie eine römische Armee und eroberten den wichtigen römischen Flottenstützpunkt Cartagena; bald darauf versuchten sie sich sehr erfolgreich als Seeräuber.[71]

Nach Gunderichs Tod übernahm 428 sein Halbbruder Geiserich, einer der fähigsten germanischen Stammeskönige der Völkerwanderungszeit, die Führung.[72] Jordanes hat in seiner Gotengeschichte eine knappe Skizze Geiserichs überliefert, wobei freilich fraglich ist, wie nah diese der Realität kommt, zumal sie einige Zeit nach dem Tod des Vandalenkönigs entstand.[73] Vandalische Selbstzeugnisse liegen uns allerdings nicht vor, und Geiserich war sicherlich ein zielbewusster und dabei teils mit äußerster Brutalität agierender Machtmensch. Um seine Macht abzusichern ließ er später die Familie Gunderichs ermorden. Ebenso war er ein fähiger Politiker und Militär, denn die folgenden Ereignisse beweisen auch einiges logistisches Können: 429 überquerten die Vandalen und die sich ihnen angeschlossenen Gruppen, alles in allem etwa 80.000 Personen, die Straße von Gibraltar und setzten nach Nordafrika über.[74] Ihr Ziel war die reiche Provinz Africa, die Kornkammer Westroms und eine der am stärksten urbanisierten Regionen des gesamten Imperiums. Dasselbe Ziel hatten wie bereits berichtet auch die Westgoten gehabt und waren daran gescheitert. Die Vandalen zogen dann von Ceuta aus fast 2.000 km in Richtung Osten, wobei sie mehrere römische Städte einnahmen, Mitte 430 standen sie vor Hippo Regius. Der Bischof der Stadt, Augustinus, der berühmte Kirchenlehrer und Philosoph, verstarb noch während der Belagerung. Die Vandalen erreichten danach die Umgebung Karthagos, damals eine der größten Städte des Imperiums und wichtiger Flottenstützpunkt. Die Einnahme Karthago gelang den Vandalen allerdings nicht.[75] Trotzdem stellt der Zug der Vandalen eine beachtliche Leistung dar, über die genauen Hintergründe kursieren in den Quellen aber unterschiedliche Versionen. So berichtet der im 6. Jahrhundert lebende Geschichtsschreiber Prokopios von Caesarea im Rahmen seiner Historien (oder Kriegsgeschichten) davon, dass die Vandalen vom römischen Befehlshaber in Africa, Bonifatius, regelrecht eingeladen worden seien, da dieser sich im Streit mit Ravenna befunden hatte.[76] In der modernen Forschung wird diese Erklärung zumeist abgelehnt,[77] da Bonifatius die Vandalen, sobald sie auf dem Vormarsch waren, mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfte und ähnliche topische Vorwürfe bereits Stilicho gemacht wurden.[78] Außerdem hatte sich das Verhältnis zwischen Ravenna und Bonifatius 429 bereits beruhigt, in zeitgenössischen Quellen ist ohnehin keine Rede davon.[79]

So oder so reichten die militärischen Mittel Westroms in Africa nicht mehr aus, um den Vandalen effektiv entgegentreten zu können. Da sich auch Karthago halten konnte, wurde 435 in Hippo Regius daher ein Vertrag zwischen Vandalen und Westrom geschlossen, dessen Details uns aber unbekannt sind. Den Vandalen wurde offenbar der bereits besetzte Teil Africas überlassen. 439 jedoch nutzte Geiserich die Gunst der Stunde und überfiel im Handstreich Karthago, womit er sich der dort stationierten Flotte bemächtigte und Rom vom Getreide aus Africa effektiv abschnitt. 442 erkannte die weströmische Regierung diesen faktischen Verlust in einem Vertrag an.[80] Die reichste Provinz Westroms war damit offiziell in der Hand von Germanen, die noch dazu eine ganz beträchtliche Seemacht aufbauten. In diesem Punkt stellen die Vandalen eine bedeutende Ausnahme im Rahmen der germanischen gentes dar, ebenso wie in der Behandlung der einheimischen Bevölkerung.[81]

[Bearbeiten] Das Hunnenreich und das Ende des Imperiums im Westen

[Bearbeiten] Das Hunnenreich an der Donau und der Aufstieg des Aëtius

Nachdem die Hunnen um 375 den Don überschritten und Alanen sowie die gotischen Greutungen besiegt hatten, fließen die Quellen zu ihnen für die nächsten Jahrzehnte ausgesprochen spärlich, wenngleich sie wiederholt Raubzüge unternahmen.[82] Allerdings scheinen sie lange Zeit nicht unter einheitlicher Führung operiert oder gar eine zielgerichtete Politik betrieben zu haben.[83] Freilich waren die Hunnen zu koordinierten Militäraktionen fähig, wie etwa der Einfall hunnischer Gruppen in das Sassanidenreich und die römischen Orientprovinzen im Sommer 395 beweist.[84] Im Winter desselben Jahres verwüsteten größere hunnische Verbände die römischen Balkanprovinzen.[85] Dennoch kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht von einem Hunnenreich im eigentlichen Sinn gesprochen werden, denn eine geschlossene Organisationsform ist nicht zu erkennen.

Der erste historisch und namentlich wirklich fassbare Hunnenherrscher (denn die Historizität des Hunnenführers Balamir [Balamber] ist keineswegs gesichert), ist Uldin, der um 400 über die Hunnen im heutigen Rumänien herrschte.[86] Zu dieser Zeit hatte der oströmische Heermeister Gainas, ein Gote, in Konstantinopel gegenüber Kaiser Arcadius versucht, eine ähnliche Stellung wie Stilicho im Westen zu erreichen. Dies symbolisiert zum einen die starke Rolle der Heermeister (die im Osten im 5. Jahrhundert jedoch weitaus effektiver als im Westen unter Kontrolle gebracht werden konnten), zum anderen die Bedeutung der barbarischen foederati im Imperium. Kurz darauf kam es jedoch zu anti-gotischen Ausschreitungen, loyale Truppen vertrieben Gainas, der über die Donau floh, wobei er alles Römische abwarf und angeblich sogar Menschenopfer durchführen ließ. Er selbst wurde Ende des Jahres 400 von Uldin besiegt und getötet, sein Kopf wurde nach Konstantinopel gesandt.[87] Uldin, dessen Machtbereich im Westen wohl bis in das heutige Ungarn reichte, schloss 406 ein Bündnis mit Stilicho, um den Zug des Goten Radagaisus (siehe oben) aufzuhalten. Trotz der recht beachtlichen Größe von Uldins Machtbereich herrschte er zu keinem Zeitpunkt über alle Hunnen (ebenso wenig wie übrigens Attila, siehe unten).[88] Bereits im Winter 404/405 griff Uldin oströmisches Gebiet an, 408 wiederholte er dies, wurde allerdings zurückgeschlagen und ist kurz darauf verstorben.

Anschließend scheint sich, nachdem die Westbewegung der Hunnen teils auf entschiedenen Widerstand anderer barbarischer Gruppen stieß,[89] langsam ein überregionales hunnisches Herrschaftszentrum im östlichen Karpatenraum entwickelt zu haben, wenngleich Einzelheiten darüber praktisch nicht bekannt sind.[90] Immer wieder werden in den Quellen hunnische Hilfstruppen in römischen Diensten erwähnt. Angeblich traten die Römer 427 Pannonien an die Hunnen ab,[91] was aber sehr umstritten ist. Nach kaum fassbaren Herrschern wie Charaton herrschten um 430 die Brüder Oktar und Rua über die Hunnen entlang der Donau. Rua übernahm nach Oktars Tod 430 die Alleinherrschaft und scheint die hunnische Herrschaft deutlich straffer als zuvor organisiert zu haben. 433 schloss der zu den Hunnen geflohene weströmische General Flavius Aëtius ein Abkommen mit Rua[92] und erhielt hunnische Truppen, mit deren Hilfe er sich im Machtkampf in Ravenna gegen Valentinian III. und dessen Mutter Galla Placidia durchsetzte und somit zum wichtigsten Mann Westroms wurde.[93] In den folgenden Jahren nutzte Aëtius wiederholt hunnische Hilfstruppen: So vernichtete er mit ihrer Hilfe 436 das Burgundenreich am Mittelrhein, was den historischen Kern des Nibelungenlieds darstellt.[94] Die zeitgenössischen Quellen verzeichnen dazu, dass die Burgunden faktisch völlig ausgelöscht worden seien, was aber wohl übertrieben sein dürfte, denn Aëtius siedelte 443 ihre Reste in der Sapaudia an (deren Lokalisation unsicher ist; wohl das heutige Savoyen), ähnlich wie er Teile der in Gallien verbliebenen Alanen neu ansiedelte (etwa in Aremorica sowie im Raum von Orléans).[95] Auch ansonsten versuchte der machtbewusste Aëtius Gallien für Westrom zu sichern. Gegen die am Rhein siedelnden Franken ging er ebenso vor wie gegen die aufständischen Bagauden, die in Gallien und Hispanien agierten.

Rua starb 434. Vermutlich wurde er von seinen Neffen Bleda und Attila ermordet, die nun die Herrschaft über einen Großteil der europäischen Hunnen übernahmen.

[Bearbeiten] Die Herrschaft Attilas

Obwohl der Person Attilas in der europäischen Geschichte ein wirkungsmächtiger (wenn auch negativ tradierter) Nachruhm vergönnt war und ist, liegen viele Details über ihn im Dunkeln.[96] Speziell über die frühen Jahren Attilas ist kaum etwas bekannt. Nachdem er und sein Bruder Bleda die Herrschaft antraten, setzten sie den von ihrem Onkel Rua eingeschlagenen Kurs der Konsolidierung des „hunnischen Reiches“ fort. So forderten sie etwa die Auslieferung hunnischer Flüchtlinge vom oströmischen Kaiser. Gegen Ostrom richtete sich eine Militäraktion beider Brüder im Jahr 441/42, die unter anderem zur Einnahme der Städte Singidunum und Sirmium durch die Hunnen führte.[97] Mit der Ermordung Bledas (wohl 445) gewann Attila die Führung über die Hunnen im Donauraum, wobei aber hervorzuheben ist, dass auch Attila zu keinem Zeitpunkt Herr aller Hunnen war. Um seine Herrschaft über das immer noch nur locker aufgebaute Hunnenreich zu stabilisieren, unternahm Attila in der Folgezeit immer wieder Feldzüge, die sich vor allem gegen Ostrom richteten. So stießen die Hunnen 447, nachdem der oströmische Kaiser Theodosius II. die Tribute verweigert hatte, tief in den Balkanraum und bis nach Griechenland vor.[98] Zu den Völkern, die Attila Heerfolge leisten mussten, gehörten unter anderem die Gepiden sowie Goten, die unter hunnischer Herrschaft standen.[99] Bald darauf sah sich der oströmische Kaiser dazu gezwungen, Frieden mit Attila zu schließen, wobei den Hunnen gewaltige Zahlungen geleistet werden mussten.

Solidus der zur Feier der Hochzeit Valentinians III. und Licinia Eudoxias geprägt wurde, der Tochter des oströmischen Kaisers Theodosius II.. Auf der Rückseite werden sie zu dritt in Hochzeitskleidung dargestellt.

Währenddessen konnte der schwache weströmische Kaiser Valentinian III., der schon als Kind auf den Thron gelangt war, durchaus zufrieden sein. Die Hegemonie der Hunnen über eine Vielzahl germanischer Stämme verringerte das Invasionsrisiko, jedenfalls solange Ravenna im guten Einvernehmen mit dem Hunnenherrscher stand.[100] Dafür bürgte Aëtius, der sich ausgezeichneter Kontakte zu Rua erfreut hatte und diese Politik auch gegenüber Attila fortsetzte. In Konstantinopel war man freilich nicht bereit, Attila auf Dauer zu finanzieren. 449 wurde eine oströmische Gesandtschaft zu Attila entsandt, welcher auch der aus Thrakien stammende Priskos angehörte. Dieser veröffentliche später seine Aufzeichnungen, von denen uns bedauerlicherweise nur Fragmente erhalten sind. Dennoch gewähren sie einzigartige Einblicke in das Leben am Hof Attilas, der in einem prunkvollen Holzpalast in der Theißebene residierte.

Nachdem sich der neue oströmische Kaiser Markian jedoch geweigert hatte, die Zahlungen an den Hunnenkönig fortzusetzen, zog Attila in Richtung Westen. Der Jahrzehnte später lebende Jordanes überliefert, dass Honoria, die Schwester des weströmischen Kaisers, die aufgrund ihrer freizügigen Lebensführung zwangsverheiratet werden sollte, Attila gebeten habe, sie zu befreien und sich ihm sogar als Ehefrau angeboten habe.[101] Die moderne Forschung tendiert teilweise dazu, dieser Notiz wenig Glauben zu schenken.[102] Allerdings ist es durchaus möglich, dass Attila in Kontakt mit oppositionellen Kreisen am weströmischen Kaiserhof stand, wenn der Wahrheitsgehalt auch nicht abschließend zu klären ist. Attila, der stets darum bemüht war, auf Augenhöhe mit West- und Ostrom zu verkehren, forderte Honoria zur Frau und mit ihr einen Anteil am Imperium, um so seine Ranggleichheit, vielleicht sogar seine Oberhoheit zu demonstrieren. Damit wäre aber gleichzeitig die Position des Aëtius erschüttert worden, der denn auch den Widerstand organisierte.[103]

451 fiel Attila mit einem starken Heer, das neben Hunnen unzählige Heeresabteilungen unterworfener oder den Hunnen tributpflichtiger Völker umfasste, in Gallien ein. Allerdings hatten Attilas diplomatische Bemühungen, die Vandalen zum Kriegseintritt zu bewegen, keinen Erfolg.[104] Die Hunnen zogen bis nach Orléans, das Attila belagern ließ. Gleichzeitig zog ihm Aëtius mit den Resten des regulären weströmischen Heeres, das immer mehr durch Föderaten ersetzt wurde, und mehreren verbündeten gentes entgegen, darunter Westgoten, Franken, Sarmaten und Alanen. Die bis heute nicht genau lokalisierte Schlacht auf den Katalaunischen Feldern bei Troyes endete unentschieden, Attila musste sich zurückziehen. Aëtius hatte während der Schlacht womöglich sogar bewusst die Westgoten, die den rechten Flügel der Römer hielten und deren König Theoderich I. im Kampf fiel, bluten lassen, um so einen potentiellen Gegner in Zukunft zu schwächen. Jedenfalls soll der General angeblich befürchtet haben, dass die Goten die Römerherrschaft beseitigen würden, sollten die Hunnen erst einmal ausgeschaltet sein.[105] Allerdings hatte schon der bekannte Althistoriker John B. Bury der Schlacht ihre oft zugeschriebene welthistorische Bedeutung abgesprochen.[106] Dennoch: Die Römer und ihre Verbündeten konnten die Hunnen zwar nicht vernichtend schlagen, wohl aber fügten sie ihnen hohe Verluste zu. Vor allem aber war der Nimbus der Unbesiegbarkeit der Hunnen ein für alle Mal gebrochen. Attila sah sich daher gezwungen, 452 in Italien einzufallen. Dort gelangen ihm zwar einige Erfolge, so wurde Aquileia erobert, entscheidend waren aber auch diese nicht. Geschwächt durch Hunger und Seuchen im Heer zog sich Attila wieder zurück.[107] In diesem Zusammenhang wird gelegentlich das Bild vermittelt, Papst Leo der Große habe den Hunnenkönig durch sein Einwirken zum Rückzug bewegt. Mit entscheidend waren jedoch Veränderungen im Osten. Dort hatte Kaiser Markian Angriffe auf hunnisches Territorium befohlen.[108] Die koordinierte Offensive, wenn sie vielleicht auch nicht formal abgesprochen war, verfehlte nicht ihre Wirkung und trug maßgeblich zur hunnischen Niederlage in Italien bei. Attila bereitete daraufhin einen Feldzug gegen das Ostreich vor, doch verstarb er 453 während seiner Hochzeit mit der Fürstentochter Ildikó.

Der plötzliche Tod Attilas wirkte wie ein Fanal. Die meisten unterworfenen Völker warfen das hunnische Joch ab, der Versuch der Söhne Attilas, das Reich ihres Vater zu bewahren, endete mit ihrer Niederlage in der Schlacht am Nedao 454, wobei die Ostgoten noch auf hunnischer Seite kämpften.[109] Bald darauf wandten sie sich aber gegen die Hunnen, deren Reich noch rascher unterging als es errichtet worden war. Der Kopf des Attilasohnes Dengizich wurde 469 sogar in Konstantinopel zur Schau gestellt. Die Reste der Hunnen zerstreuten sich, einige dienten aber noch im 6. Jahrhundert im oströmischen Militär.[110] Aëtius jedoch konnte sich seines Sieges über die Hunnen nur kurze Zeit erfreuen, 454 wurde er von Kaiser Valentinian III., der die übergroße Macht seines Generals fürchtete, ermordet. Kurz darauf, im März 455, fiel auch der Kaiser einem Attentat zum Opfer.[111]

[Bearbeiten] Die letzten Jahre Westroms: Schattenkaiser und das Regime Ricimers

Der Tod des Aëtius war für Westrom verhängnisvoll. Wenngleich auch er nicht in der Lage gewesen war, die kaiserliche Machtstellung im Westreich flächendeckend durchzusetzen, so hatte er wenigstens Italien und weite Teile Galliens dem Imperium gesichert und erfolgreich Krieg geführt. Der überaus ehrgeizige Aëtius war sicherlich wie viele einflussreiche Militärs ein Teil des Problems, denn die kaiserliche Autorität schwand immer mehr. Doch sollte mit seinem Tod und dem Valentinians für mehrere Föderaten das Zeichen gekommen sein, ihren Machtbereich auf Kosten Westroms auszudehnen. In den letzten beiden Jahrzehnten seiner Existenz sollte Westrom von „Schattenkaisern“ regiert werden, die teils nur wenige Monate regierten und nicht mehr in der Lage waren, das Westreich zu stabilisieren.[112]

Erschwerend kam hinzu, dass die Barbaren nun nicht nur den Kern der römischen Eliteverbände bildeten, sondern auch immer mehr in die Spitzenpositionen der Armee vorrückten. Letzteres sagt jedoch wenig über ihre Loyalität aus, denn auch Barbaren konnten dem Kaiser durchaus treue Dienste leisten, wie zahlreiche Beispiele zeigen (etwa Flavius Victor, Bauto, Stilicho, Fravitta), und zudem strebten fast alle danach, sich römischer Lebensweise anzugleichen. Verheerender war, dass analog zum Niedergang kaiserlicher Macht im Westen die Macht der hohen Militärs fast zwangsläufig zunahm. Tatsächlich hatten sowohl Stilicho, der ein halber Vandale war, als auch die Römer Aëtius und Belisar über Privattruppen verfügt (bucellarii). Auch wenn kein germanischer Heermeister jemals selbst nach dem kaiserlichen Purpur griff (dies war den Germanen aufgrund ihrer Abstammung und ihres zumeist arianisch-christlichen Bekenntnisses nicht möglich), so übten sie im Westen seit dem späten 4. Jahrhundert teils enormen Einfluss aus. Demgegenüber gelang es im Osten wesentlich besser, die Heermeister zu kontrollieren. Kaiser Leon I. beendete den letzten ernsthaften Versuch eines barbarischen Heermeisters, in diesem Fall des Alanen Aspar, auf die kaiserliche Politik einzuwirken.[113] Dem Kaiser in Konstantinopel kam zudem zugute, dass während des 5. Jahrhunderts die Beziehungen zum neupersischen Sassanidenreich, dem großen Rivalen Roms im Osten, so gut waren wie nie zuvor. Auch wenn es nach dem Tod Attilas auf dem Balkan zu Kämpfen kam, etwa mit den sich nun formierenden Ostgoten, die bald Teile Pannoniens kontrollierten, tangierte dies kaum die Stabilität des Ostreichs.[114]

Solidus des Petronius Maximus.

Währenddessen kam der Westen jedoch nicht mehr zur Ruhe.[115] 455 wurde Rom zum zweiten Mal innerhalb von 45 Jahren erobert und geplündert, diesmal von den Vandalen. Deren König Geiserich betrachtete offenbar seinen 442 mit Valentinian III. geschlossenen Vertrag mit dem Tod des Kaisers als erloschen. In Rom regierte im Mai 455, als die vandalische Flotte, die Jahre zuvor schon Sizilien bedroht hatte, vor der Mündung des Tibers auftauchte, Petronius Maximus. Dieser verfügte aber kaum über reale Macht und wurde am 31. Mai von burgundischen Soldaten getötet. Drei Tage später drangen die Vandalen in die Stadt ein und plünderten sie systematisch, aber kaum in einer wilden Zerstörungswut, wie ihn der Begriff Vandalismus heute suggeriert, wenn auch die Eroberung von 455 ihre Wirkung auf die Zeitgenossen nicht verfehlte. Die Vandalen zogen nicht nur mit reicher Beute ab, sondern verschleppten zudem die Witwe Valentinians sowie zwei seiner Töchter und zahlreiche hochgestellte Persönlichkeiten nach Karthago.[116] Bald darauf beanspruchte Geiserich Sizilien und Italien als Erbe Valentinians für sich, war doch eine Tochter Valentinians, Eudocia, mit Geiserichs Sohn Hunerich verheiratet.

Kaiser Avitus auf einem Tremissis.

Nun begann die Zeit der raschen Kaiserwechsel, an der mehrmals entweder germanische Fürsten oder Heermeister beteiligt waren. Den Anfang machte der aus vornehmer gallischer Familie stammende Heermeister Eparchius Avitus, der mit westgotischer Unterstützung zum Kaiser erhoben wurde. Gegen die Sueben, die in Hispanien auf die Ausdehnung ihres Reiches spekulierten, gingen die Westgoten erfolgreich vor. Gegen die Vandalen auf Sizilien und Korsika behauptete sich 456 der General Flavius Ricimer, Sohn eines Suebenfürsten und einer gotischen Prinzessin. Von Avitus wurde Ricimer in den Rang eines Heermeisters erhoben. Als sich jedoch die Stimmung in Italien zu Ungunsten des Avitus verschob, was den Abzug seiner gotischen Truppen zur Folge hatte, und der Kaiser in Konstantinopel dem Gallier die Anerkennung verweigerte, wandte sich Ricimer gegen seinen Gönner und besiegte ihn im Oktober 456 bei Placentia. Avitus trat zurück und starb bald darauf.

Ricimer, nunmehr vom oströmischen Kaiser zum Patricius ernannt, erhob daraufhin den Illyrer Majorian zum Kaiser.[117] Dieser ging in Gallien gegen die Germanen vor, die die Gunst der Stunde nutzten und von den Wirren im Westreich profitieren wollten.[118] Der von Majorian eingesetzte Heermeister Aegidius operierte sehr erfolgreich gegen die Franken am Rhein und eroberte das von den Burgunden besetzte Lyon zurück.[119] Arles, nunmehr Sitz der Zivilverwaltung Galliens und Hispaniens, konnte gegen die Westgoten gehalten werden, die sich kaum mehr an ihr Föderatenabkommen gebunden sahen und auch nach Hispanien expandierten.[120] Doch gelang es Majorian schließlich, sich mit den Burgunden und Westgoten zu verständigen. 460 begab sich der Kaiser nach Hispanien; es war das letzte Mal, dass ein Kaiser die Iberische Halbinsel betrat. Majorian erscheint in den Quellen, etwa bei Sidonius Apollinaris, als ein energisch und zielbewusst agierender Kaiser, der als letzter weströmischer Kaiser wirklich noch einmal die Initiative zurückgewinnen wollte. So plante er 461 eine Invasion Africas, da die Vandalen weiterhin die Getreidelieferungen blockierten. Als jedoch vandalische Schiffe die Römer in Hispanien bedrängten und eine Ausschiffung der Truppen verhinderten, gab der Kaiser den Plan auf.[121] Kurz darauf wurde Majorian auf Befehl des übermächtigen Ricimer festgesetzt und ermordet, vielleicht nicht allein aufgrund der misslungenen Operation, sondern womöglich auch aufgrund des eigenständigen Handelns des Kaisers. Ricimer betätigte sich wieder als Kaisermacher und erhob Libius Severus zum neuen Augustus.

Die Ermordung Majorians hatte jedoch zur Folge, dass Aegidius, der gallische Heermeister und Freund des Ermordeten, dem neuen Kaiser die Anerkennung verweigerte. Als Ricimer ihn absetzen wollte, rebellierte Aegidius, wurde aber durch eine Offensive der Westgoten gezwungen, nach Nordgallien auszuweichen, wo er sich mit Teilen des Feldheeres und fränkischen Verbündeten halten und ein eigenes Reich im Raum von Soissons errichten konnte. Die kleine gallo-römische Enklave hielt sich sogar über das Ende des Westreichs hinaus: Nach dem Tod des Aegidius (etwa 464), übernahm zunächst ein nicht näher bekannter Offizier namens Paulus das Kommando, nach ihm der Sohn des Aegdius, Syagrius. 486/87 fiel die Enklave der fränkischen Expansion unter Chlodwig I. zum Opfer.[122] In Trier wiederum konnte sich der comes Arbogast der Jüngere, offenbar ein romanisierter Franke, bis 475 gegen die Franken behaupten.

Tremissis des Anthemius.

Auch Libius Severus hielt sich nicht lange auf dem Thron: Er wurde 465 ermordet. Die folgenden anderthalb Jahre, in denen der Westgotenkönig Eurich das foedus mit Westrom brach und nach Südgallien und Hispanien vorstieß,[123] machte sich Ricmer nicht mehr die Mühe, einen Kaiser zu bestellen. Aus Konstantinopel traf dann jedoch 467 der General Anthemius ein, der das Kaiseramt übernahm. Anthemius bemühte sich, den Einfluss Ricimers wenigstens einzudämmen und ernannte mit Marcellinus einen zweiten Heermeister, der 468 wohl auf Befehl Ricimers ermordet wurde.[124] Während in Gallien und Noricum die römische Verteidigung gegenüber den Germanen immer mehr bröckelte und schließlich faktisch kollabierte, wandte sich Anthemius den Vandalen zu und plante 468 in Kooperation mit Ostrom eine großangelegte Invasion Africas. Doch auch dieser Plan schlug fehl, die römische Flotte wurde von den Vandalen in Brand gesteckt.[125] Was dem Vandalenreich das Überleben sicherte, erschütterte die Machtbasis des weströmischen Kaisers nachhaltig. In Gallien breiteten sich Westgoten, Burgunden und Franken auf Kosten Westroms immer weiter aus, nur die Auvergne und die Provence waren noch zu halten. Ein ansonsten nicht bekannter bretonischer (oder britischer) Anführer namens Riothamus soll die Römer in ihrem Abwehrkampf unterstützt haben, wurde aber von den Westgoten geschlagen. Als sich Anthemius mit Ricimer überwarf, war das Ende abzusehen, es kam zum Bürgerkrieg: Ricimer belagerte den Kaiser in Rom, im Juli 472 wurde Anthemius von einem Neffen Ricimers, dem Burgunden Gundobad, ermordet. Seine Nachfolge trat Olybrius an.[126] Bald darauf verstarb auch Ricimer. Er wird in der Forschung sehr negativ und weitaus weniger differenziert bewertet als beispielsweise Stilicho und Aëtius.[127] Sicherlich hatte er vor allem die eigenen Interessen im Blick, gleichzeitig war er aber bemüht, die wenigen verbliebenen Ressourcen Westroms zu bündeln und zur Verteidigung Italiens zu nutzen.[128] Am Ende reichte dies jedoch nicht aus, vier Jahre später wurde der letzte Kaiser in Italien abgesetzt.

[Bearbeiten] Der „Untergang Westroms“

Olybrius, der letzte Kaiser von Ricimers Gnaden, verstarb Anfang November 472, nur wenige Monate nach dem Tod des suebischen Heermeisters. Das Heermeisteramt blieb nicht lange unbesetzt. Ricimer folgte sein oben erwähnter Neffe Gundobad nach, der im März 473 den Beamten Glycerius zum Kaiser erhob. Allerdings verweigerte der oströmische Kaiser Leon I. diesem die Anerkennung und favorisierte stattdessen den Heermeister von Dalmatien, Julius Nepos. Dieser war ein Neffe des Marcellinus, jenes Generals, den Majorian einst als Gegengewicht zu Ricimer benutzt hatte. Nepos landete im Juni 474 im Hafen Portus und zog kurz darauf in Rom ein. Glycerius sah die Hoffnungslosigkeit der Lage ein und trat zurück, um sein Leben als Bischof von Salona zu beschließen, Gundobad ging nach Gallien und bestieg den burgundischen Königsthron.[129]

Tremissis des Julius Nepos.

474 schloss der oströmische Kaiser Leon I. einen Vertrag mit Geiserich, womit die vandalischen Raubzüge aufhörten und ihr Reich auch von Ostrom anerkannt wurde.