Spätantike
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Spätantike ist eine moderne Bezeichnung für die Epoche der Mittelmeerwelt im Übergang von der Antike zum Mittelalter. Der Begriff selbst wurde Ende des 19. Jahrhunderts vom österreichischen Kunsthistoriker Alois Riegl geschaffen. Auch wenn die genaue zeitliche Abgrenzung der Spätantike in der Forschung umstritten ist, gilt als Beginn dieser Übergangsepoche meist der Regierungsantritt des römischen Kaisers Diokletian 284 n. Chr. Das Ende ist Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion. Als grober Rahmen kann gelten, dass die Spätantike im Westen des römischen Reiches mindestens bis zur Ablösung des letzten Kaisers in Italien Romulus Augustulus im Jahre 476 dauert, eher aber bis zum Einfall der Langobarden in Italien 568. Im Osten des Reiches reicht die Epoche entweder bis zum Tod des oströmischen Kaisers Justinian I. 565 n. Chr. oder bis zur arabischen Expansion; diese Phase der oströmischen Geschichte wird teils auch als Frühbyzantinische Zeit bezeichnet. Im Verlauf der Spätantike durchlief das Oströmische Reich einen Transformationsprozess und musste zuletzt große territoriale Verluste hinnehmen, während die zweite spätantike Großmacht, das neupersische Sassanidenreich, schließlich sogar ganz unterging.
Die Spätantike bildet den letzten Abschnitt des Altertums, der zwar nicht mehr der „klassischen“ Antike angehört, aber auch noch nicht dem Mittelalter zugerechnet werden kann. Sie ist durch ein Nebeneinander von antiken Traditionen und christlich-germanischer Überformung gekennzeichnet. Statt wie früher von einem Niedergang spricht man dabei heute für die Jahre von etwa 300 bis 600 meist neutraler von einer Transformation des antiken Erbes. Ein herausragendes Ereignis dieser Epoche stellt der Siegeszug des Christentums und damit verbunden das langsame Verschwinden vorchristlicher Kulte und Traditionen dar. Auch in der Kunst und der Literatur entsteht durch die Ablösung bzw. Überformung klassischer griechisch-römischer durch christlich geprägte Formen und Themen ein eigener, charakteristischer Stil, der auch orientalische Einflüsse aufweist.
Die Spätantike steht außerdem unter den Zeichen der Reformierung von Heer und Verwaltung durch Diokletian und Konstantin den Großen, der Zementierung der sakralen Stellung des Kaisers, der Völkerwanderung und in deren Folge schließlich der Transformation des westlichen Teils des römischen Reiches in jene germanisch-romanische Welt, die das westliche Mittelalter prägen sollte.
[Bearbeiten] Zeitliche Abgrenzung
[Bearbeiten] Allgemeines
Die zeitliche Abgrenzung der Spätantike ist – wie Epocheneinschnitte allgemein – Gegenstand der geschichtswissenschaftlichen Diskussion und bis zu einem gewissen Grad willkürlich. Die Jahrhunderte zwischen Diokletian und Mohammed stellen eine Übergangsepoche dar, bei der es schwerfällt, eindeutige Schnitte zu setzen. Nicht alle Forschungsrichtungen gewichten die verschiedenen politik-, kunst-, kultur- und religionshistorischen Faktoren des allmählichen Wandels gleich. Zudem gibt es erhebliche regionale Unterschiede, im östlichen Mittelmeerraum hielten sich antike Strukturen fraglos länger als etwa am Rhein oder in Britannien. Für den Beginn wird meist das Jahr 284 n. Chr. (Herrschaftsantritt Diokletians) angegeben, aber auch die Zeit Konstantins mit ihrer religiösen Neuorientierung kann als entscheidender Einschnitt gelten. Hingegen ist das Ende der Spätantike weitgehend offen, da je nach Lehrmeinung und Forschungsinteresse verschiedene Ansätze möglich sind.
[Bearbeiten] Die Frage nach dem „Ende der Antike“
Früher wurde das Ende der Antike oft mit dem Ende des römischen Reiches im Westen 476 n. Chr. gleichgesetzt (so vor allem die ältere Lehrmeinung, beispielsweise Otto Seeck, anders dagegen bereits Ernst Kornemann und später etwa Adolf Lippold). Diese Vorstellung lässt sich in den Quellen, etwa bei Marcellinus Comes, aber erst gut 40 Jahre später fassen. Es erscheint heute als mehr als fraglich, ob die damaligen Menschen dieses Jahr ebenfalls als Zäsur begriffen haben: Es gab zwar in Ravenna keinen Kaiser mehr, aber dies bedeutete nur, dass die Herrschaftsrechte im Westen nun auf den oströmischen Kaiser übergingen. Noch Justinian I. hat diese Ansprüche auch tatsächlich verwirklichen wollen. In der neueren Forschung wird dem Jahr 476 daher nicht mehr so viel Gewicht beigemessen wie früher.
Sehr vereinzelt wird heute schon die Reichsteilung nach dem Tod des römischen Kaisers Theodosius I. im Jahre 395, meist aber erst das Ende der Regierung Justinians I. im Jahre 565 als entscheidende Zäsur gewählt. Justinian stand noch klar in der Tradition der antiken römischen Kaiser, was unter anderem in seiner universalen Herrschaftsauffassung deutlich wird. Er betrieb zudem eine Politik, die wohl auf die Wiederherstellung des Reiches in seinen alten Grenzen abzielte (Restauratio imperii), was in Teilen sogar kurzfristig gelang. Der letzte große Zug der spätantiken Völkerwanderung, der Einfall der Langobarden in Italien, erfolgte 568, nur drei Jahre nach Justinians Tod, so dass die 560er Jahre für den ganzen Mittelmeerraum einen deutlichen Einschnitt markieren. Damit ergeben sich als die derzeit gängigste Begrenzung der Epoche also die Jahre von 284 bis 565.
Nicht wenige Historiker setzen das Ende der Epoche aber deutlich später an, und zwar mit dem Einbruch der Araber in den Mittelmeerraum (siehe auch so genannte Pirenne-These). Diese Einschätzung der Bedeutung des arabischen Vormarsches ist zwar für den Osten berechtigt, nicht aber für das Fränkische Reich, denn Pirennes Annahme, islamische Seeräuber hätten die antike „Einheit der Mittelmeerwelt“ als Kultur- und Wirtschaftsraum zerstört, ist spekulativ und gilt heute als widerlegt. Dass die Kontakte zwischen Ostrom und dem Westen noch zu Beginn des siebten Jahrhunderts recht eng waren, wird heute kaum mehr bestritten. Das letzte antike Monument auf dem Forum Romanum ist die Säule des oströmischen Kaisers Phokas (602–610). Für das Oströmische Reich stellt die arabische Expansion einen massiven Einschnitt dar, da das Imperium nun im Wesentlichen auf Kleinasien und den Balkan beschränkt war und sich unter dem äußeren Druck auch im Innern vieler antiker Traditionen entledigte. Die spätrömische Phase des Oströmischen Reiches endete somit erst unter Kaiser Herakleios (610–641). Dementsprechend betrachten Forscher wie Stephen Mitchell 284 und 641 als die Epochengrenzen der Spätantike.
Überhaupt herrscht im anglo-amerikanischen Raum mit seiner starken Berücksichtigung des östlichen Mittelmeerraumes die Tendenz vor, das Ende der Antike frühestens mit dem Ende der Herrschaft Justinians anzusetzen, so etwa Averil Cameron und John B. Bury (etwas eigenwillig Arnold Hugh Martin Jones 602 mit dem Tod des Kaisers Maurikios). Der letzte Band der neuen Cambridge Ancient History behandelt die Jahre 425 bis 600; die Prosopography of the Later Roman Empire die Zeit von (etwa) 260 bis 641.
Auch im deutschsprachigen Raum ist man allgemein davon abgerückt, weiter am künstlichen Epochenjahr 476 festzuhalten (siehe etwa Alexander Demandt, Heinz Bellen, Jochen Martin oder Hartwin Brandt), und bevorzugt nun zumeist 565 oder spätere Daten.
Eine Ausweitung der Epoche bis 632/641 erscheint für Ostrom in der Tat sinnvoll und setzt sich zunehmend durch, da erst der Einfall der Araber (siehe dazu Islamische Expansion) den entscheidenden Einschnitt markierte. Die arabischen Truppen eroberten dabei nicht nur den römischen Orient, sondern vernichteten auch das Neupersische Reich der Sassaniden. Das Sassanidenreich war die gesamte Spätantike hindurch als zweite Großmacht neben Rom ein bedeutender Machtfaktor gewesen und wird von manchen Althistorikern (so etwa Josef Wiesehöfer, Erich Kettenhofen, Zeev Rubin oder Michael Whitby) in die Erforschung der Epoche mit einbezogen (vgl. auch Römisch-Persische Kriege).
Betrachtet man nur den römischen Westen, so stellt 476/80 zwar nach wie vor eine Zäsur dar – unabhängig davon, ob die Zeitgenossen das Ende des westlichen Kaisertums nun als Einschnitt empfanden oder nicht –, dennoch muss man die Zeit Theoderichs des Großen wohl eher zur Antike als zum Mittelalter zählen, so dass es fast unmöglich ist, ein exaktes Datum festzulegen. Bis zum Langobardeneinfall 568 lässt sich antike Kultur in Italien nachweisen; der weströmische Senat verschwindet erst gegen Ende des sechsten Jahrhunderts aus den Quellen. In ähnlicher Weise knüpften auch die frühen Merowinger an das antike Erbe an. Chlodwig (482–511) legte großen Wert auf römische Ehrentitel. Man muss so von einer Übergangsphase sprechen, die je nach Region unterschiedlich lange andauerte.
Man sollte allerdings nicht der Versuchung erliegen, den „Beginn“ des westeuropäischen Mittelalters zu spät anzusetzen. In Gallien markierte der Übergang der Franken zum Christentum unter Chlodwig und seinen Nachfolgern, in Italien der Einfall der Langobarden insgesamt betrachtet die Anfänge des Mittelalters in diesen Regionen. Das Problem lässt sich auch umkehren: So greifen auch viele Mediävisten, die sich mit dem Frühmittelalter beschäftigen (etwa Friedrich Prinz, Hans-Werner Goetz, Walter A. Goffart, Patrick Geary, Herwig Wolfram, Ian N. Wood und andere) rückwärts auf die Spätantike zurück, um die Veränderungen im frühen Mittelalter zu erklären.
Die Problematik liegt letztlich darin begründet, dass die Spätantike eine Epoche des Um- und Aufbruchs war. Einerseits war noch eine Kontinuität zur Antike gegeben, andererseits zeichnete sich bereits die Welt des Mittelalters ab. Diese war mit der Spätantike vor allem durch die Verklammerung der Gesellschaft mit der christlichen Kirche verbunden. Kulturell kann als wichtiger Unterschied zur späteren Zeit der in der Spätantike noch vorhandene Zugriff auf die klassischen Traditionen gelten. Noch im sechsten Jahrhundert blühte die spätantike, an klassischen Vorbildern orientierte Literatur (Boëthius, Cassiodor, Corippus, Prokopios von Caesarea, Agathias). Die mittelalterliche Welt mit ihrer weitaus geringeren Arbeitsteilung verfügte dann nicht mehr über die Kapazität, die klassische Bildung völlig zu bewahren. Der größte Teil der (bis dahin erhaltenen) antiken Literatur wurde im Westen ab dem späteren 6. Jahrhundert nicht mehr gepflegt, wobei seit dem 8. Jahrhundert einige verloren geglaubte Bücher wieder auftauchten.
[Bearbeiten] Die Existenz von Byzanz in einer „intakten Spätantike“
Das oströmische bzw. byzantinische Reich existierte in einer relativ intakten „Spätantike“ bis zum Fall Konstantinopels 1453, da es im Osten zu einem weniger radikalen Abreißen der antiken Tradition gekommen war als im Westen. Die Byzantinistik, aber auch viele Archäologen dieses Kulturraumes bezeichnen daher in etwa den gleichen Zeitraum, der auf dem Boden des weströmischen Reichs als Spätantike gilt, in Ostrom auch als frühbyzantinisch. Für den Osten des Imperiums sind beide Begriffe mithin praktisch gleichbedeutend.
Allerdings waren auch in Ostrom trotz größerer Kontinuität die Unterschiede zwischen den Zuständen im vierten bis sechsten Jahrhundert und der dann folgenden mittel- und spätbyzantinischen Zeit erheblich. Im Ostreich ist dabei neben der arabischen Expansion auch die endgültige Verdrängung der lateinischen Amtssprache durch das Griechische unter Kaiser Herakleios als signifikanter Einschnitt zu betrachten.
Die Angriffe der Araber führten in Ostrom zudem zum Untergang der spätantiken senatorialen Aristokratie und zu einem erheblichen Rückgang an antiker Bildung. Zudem brachte der weitgehende militärische und ökonomische Zusammenbruch des Reiches nach 636 auch das endgültige Ende der klassischen Städte (Poleis) mit sich, die seit der Archaik den Mittelmeerraum geprägt hatten. Die Entwicklung der byzantinischen Themenordnung schließlich bedeutete auch im administrativen Bereich einen deutlichen Bruch mit der spätantiken Tradition.
[Bearbeiten] Quellensituation und Forschungsstand
[Bearbeiten] Quellen
Die Quellenlage für die Spätantike ist wohl die beste des gesamten Altertums, vor allem aufgrund der recht reichhaltigen „monumentalen“ Quellen. Allerdings verfügen wir über keine durchgehende Historiografie. Vor allem für das 5. Jahrhundert lassen uns die Quellen recht oft im Stich. Im Folgenden werden nur einige bekanntere Beispiele genannt; es sei auch auf den Abschnitt Soziokultureller Grundriss hingewiesen.[1]
Die wichtigste lateinische erzählende Quelle ist Ammianus Marcellinus (4. Jahrhundert), ebenso stellen die in griechischer Sprache abgefassten Werke des Prokopios von Caesarea (6. Jahrhundert) eine hervorragende Quelle für die ausgehende Antike dar. Beide können sich auch durchaus mit den „klassischen Autoren“ messen.
Profangeschichtliche Werke sind daneben unter anderem von Jordanes, Agathias, Theophylaktos Simokates und Gregor von Tours erhalten. Nützlich, aber problematisch sind auch die überlieferten Bücher der Neuen Geschichte des Zosimos. Daneben sind die Fragmente anderer Historiker von Bedeutung, unter denen Priskos der wichtigste ist; daneben sind unter anderem Eunapios von Sardes, Olympiodoros von Theben, Malchus von Philadelphia, Candidus und Menander Protektor zu beachten. Beliebt war in der Spätantike auch die so genannte Epitome, also die Kurzfassung eines Geschichtswerks (siehe etwa Aurelius Victor, Epitome de Caesaribus und Eutropius; vgl. auch Enmannsche Kaisergeschichte). Der Anonymus Valesianus bietet, trotz der Kürze des Textes, einige wichtige Informationen.
Hinzu kommen in der Spätantike mehrere Kirchengeschichten, die von unterschiedlichem Wert sind und teils auch ausführlich über die politische Geschichte Auskunft geben. Die wohl bedeutendste ist die des Eusebius von Caesarea, welcher der „Vater der Kirchengeschichte“ ist. Daneben sind noch die Kirchengeschichten des Theodoret, des Sokrates Scholastikos, des Sozomenos, des Euagrios Scholastikos, des Johannes von Ephesos sowie die (nur in Exzerpten erhaltene) des Philostorgios zu nennen. Ebenso sind die theologischen Schriften von Bedeutung, beispielsweise die Werke des Ambrosius und des Augustinus.
In der Spätantike entstanden auch mehrere Chroniken, die zum Teil wichtige Informationen liefern: beispielsweise Marcellinus Comes, Johannes Malalas, Chronicon Paschale, Hydatius von Aquae Flaviae, die (nur fragmentarisch erhaltene) Chronik des Johannes von Antiochia oder die Chronica Gallica. Daneben auch unter anderem syrische – wie die Chronik des Josua Stylites – und armenische Werke, wie das Geschichtswerk des Sebeos. Ebenso beinhalten manche Gedichte oder Epen wertvolle Informationen (siehe etwa Corippus für die justinianische Zeit oder die Werke Georgs von Pisidien für die Zeit des Herakleios). Des Weiteren sind Reden wie die des Libanios, des Synesios von Kyrene, des Symmachus, des Themistios und die Panegyrici Latini sowie eine Fülle von Urkunden (der beste Bestand aus der Antike) zu nennen. Für die ausgehende Spätantike in Gallien stellen die Briefe und Lobreden des Sidonius Apollinaris eine wichtige Quelle dar. Hinzu kommt etwa der Chronograph von 354.
Die Notitia dignitatum (eine Art Staatshandbuch) bietet zahlreiche Informationen über die spätantike (zivile wie militärische) Administration. Auch das Werk De Magistratibus des Johannes Lydos liefert wichtige Details zur spätrömischen Verwaltung. Dazu kommen das berühmte Corpus iuris civilis (der Name ist allerdings nicht zeitgenössisch) aus dem sechsten Jahrhundert, Inschriften (die allerdings längst nicht mehr so zahlreich sind wie in der hohen Kaiserzeit), Münzfunde und Papyri sowie nicht zuletzt, gerade in den letzten Jahrzehnten, die Befunde der Archäologie.
[Bearbeiten] Forschungsstand
Als problematisch galt die Erforschung der Spätantike lange, wie bereits angesprochen, schon aufgrund der relativ fließenden Grenze zum Mittelalter hin. In der älteren Forschung wurde die Auffassung vertreten, dass die Spätantike ein Zeitalter des moralischen und kulturellen Verfalls gewesen sei (Dekadenztheorie nach Edward Gibbon: Decline and Fall of the Roman Empire; auch Voltaire: Essai sur les mœurs et l’esprit des nations; Assoziation von spät mit Dahinwelken, Verfall). Diese Lehrmeinung war auch noch im 19. Jahrhundert vorherrschend. Noch Otto Seeck vertrat diesen Standpunkt in seinem berühmten Hauptwerk Geschichte des Untergangs der antiken Welt.
Diese negative Bewertung der Spätantike ist jedoch nach allgemeiner Ansicht inzwischen obsolet geworden und wird in neueren Darstellungen nicht mehr angeführt; sie ist in populären Darstellungen und im Film aber immer noch verbreitet. Die Studien von John B. Bury (siehe unter anderem sein Standardwerk History of the Later Roman Empire, 2 Bände, 1923) und anderen sorgten vielmehr für eine Neubewertung dieser Epoche, die nun nicht mehr als reine Verfallszeit begriffen wurde. Inwieweit der spätantike Staat ein „Zwangsstaat“ gewesen ist, bleibt zwar weiter umstritten, auch wenn die „harte“ Meinung der älteren Forschung so nicht mehr akzeptiert werden kann. Eine wichtige Vorarbeit stellt auch A. H. M. Jones’ Later Roman Empire dar, das bis heute ein wichtiger Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit der Epoche ist.
Seit den 1970er Jahren hat dann besonders Peter Brown in seinen Arbeiten auf die „Metamorphose“ bzw. „Transformation“ der antiken Welt in dieser Zeit aufmerksam gemacht, wobei er sich vor allem den kulturellen und religiösen Veränderungen widmete; bald folgten diesem Ansatz auch Averil Cameron und andere (siehe auch Transformation of the Roman World). Insgesamt hat das Interesse der althistorischen Forschung an der Spätantike in den letzten Jahren stark zugenommen. Vor allem im angelsächsischen Raum sind dabei viele früher selbstverständliche Annahmen und Urteile in Frage gestellt worden. Das Bild der Epoche, das sich noch immer in den meisten Schulbüchern findet, hat nur noch wenig mit dem gemein, was derzeit an den Hochschulen vertreten wird.
Allerdings darf über die berechtigte Betonung von Kontinuitäten und des kulturellen Aspekts durch die „Brown-Schule“ nicht vergessen werden, dass die Transformation der Völkerwanderungszeit in vielerlei Hinsicht eben auch mit Gewalt, Zerstörung und ökonomischem Niedergang verbunden war; dies betonten jüngst erst Bryan Ward-Perkins und Peter J. Heather in ihren neuesten Darstellungen, welche sich teils wie ein Gegenentwurf zu den Vertretern der Neuinterpretation um Peter Brown und Averil Cameron lesen. Beide – Ward-Perkins und Heather – räumen aber ein, dass die Antike im römischen Osten, der erst nach 600 einen ökonomischen Verfall erlebte, deutlich länger gedauert habe als im Westen, wo es im fünften Jahrhundert zu einem „Ende der Zivilisation“ (Ward-Perkins) gekommen sei.
Die Forschungsliteratur hat inzwischen einen kaum noch zu bewältigenden Umfang erreicht, aber in vielen Punkten konnte bislang dennoch keine Einigkeit erzielt werden. Zu den besonders heftig diskutierten Fragen zählt unter anderem die nach den Prozessen, die im Westen zum Erlöschen des Kaisertums führten. Auch die Pirenne-These findet inzwischen wieder Anhänger, allerdings mit neuen Argumenten. Viele der alten Erklärungen sind inzwischen unhaltbar geworden, doch ist es oft noch nicht gelungen, sie durch überzeugende Alternativen zu ersetzen. Je näher man sich mit der Spätantike befasst, desto offensichtlicher wird die Unmöglichkeit von einfachen Antworten und allgemeingültigen Aussagen.[2]
[Bearbeiten] Geschichtlicher Grundriss
[Bearbeiten] Diokletian – Stabilisierung und Reform
Mit dem Regierungsantritt Diokletians trat das Römische Reich in seine Spätphase ein. Die vorangegangene Krisenzeit der Soldatenkaiser (235–284/5; siehe auch Reichskrise des 3. Jahrhunderts) hatte das Reich destabilisiert. Von außen war das Imperium der ständigen Gefahr eines Mehrfrontenkrieges ausgesetzt. Die fast gleichzeitig stattfindende Entstehung des Sassanidenreichs, des großen Gegners Roms im Osten (siehe Römisch-Persische Kriege), und die Formierung tribaler germanischer Großverbände in der Rheinregion (gentes wie die Alamannen und Franken) verkomplizierte die Lage dramatisch. Das Sassanidenreich war stärker zentralisiert als das Partherreich, das es ablöste, und auch die Schlagkraft der neuen Großverbände lag beträchtlich höher als die der kleineren Stammesgruppen. Währenddessen bedrohten an der Donau unter anderem die Goten und Sarmaten den Balkanraum.
Im Inneren war es teilweise zu einer Handlungsunfähigkeit der Verwaltung gekommen sowie zur zeitweiligen Loslösung von Teilgebieten des Imperiums (siehe Gallisches Sonderreich und Palmyra). Allerdings war es den Kaisern seit Aurelian langsam gelungen, der Krise, die keineswegs alle Bereiche des Imperiums gleichermaßen betroffen hatte, Herr zu werden. Diokletian bemühte sich nun, den römischen Staat weiter zu stabilisieren und zu reformieren. Dabei griff er zahlreiche Ansätze auf, die bereits von seinen Vorgängern als Antwort auf die Krise entwickelt worden waren, und bemühte sich um eine Systematisierung. Mit seinen Reformen lässt die Forschung traditionell den Prinzipat enden.
So kam es zu einer grundlegenden Reform der Verwaltung, wie etwa zu einer stärkeren Zentralisierung und Bürokratisierung. Dies machte sich auch in einem restriktiveren Steuersystem bemerkbar. Der zivile Sektor wurde nun grundsätzlich vom militärischen getrennt. An diesem Prinzip wurde dann bis zum Ende der Epoche festgehalten. Auch wurde das Reich in Diözesen eingeteilt, um so eine bessere Verwaltung zu garantieren. Um dem Staat stetig fließende Steuereinnahmen zu sichern, wurde das Capitatio-Iugatio-System (im Wesentlichen handelt es sich um eine Kombination von Kopf- und Grundsteuer, die regelmäßig geschätzt wurde) geschaffen, das die Berechnung der Abgaben erleichterte. Gleichzeitig wurde eine Währungsreform in Angriff genommen, der jedoch wohl kein durchschlagender Erfolg beschieden war.
Zentrales Element der Heeresreform war die Aufteilung in ein Feldheer (Comitatenses) und ein Grenzheer (Limitanei) mit dem Ziel, dass Durchbrüche an der Grenze leichter mit dem Bewegungsheer abgefangen werden konnten. Diese Reformen sollten sich insgesamt bewähren und dem Chaos, das teils noch in der Zeit der Soldatenkaiser geherrscht hatte, ein Ende bereiten, sowie die Grenzverteidigung an Rhein und Donau stärken. Im Osten behauptete sich Rom nun auch gegen die Sassaniden, die 297/298 von Diokletians Caesar Galerius geschlagen wurden.
Weniger Erfolg hatte Diokletian allerdings mit dem von ihm erdachten Regierungssystem der Tetrarchie (Viererherrschaft), das je zwei Seniorkaiser (Augusti) und zwei Juniorkaiser (Caesares) vorsah und zudem religiös durch die künstliche Adoption der Götter zementiert wurde. So nahm etwa Diokletian, der auch in diesem System weiterhin die bestimmende Figur war, den Beinamen Iovius an (etwa = Schützling und Abkömmling des Gottes Jupiter).
Vermutlich war diese enge Bindung der Kaiser an die traditionellen Kulte ein Grund für die Durchführung der letzten großen Christenverfolgung, die in den letzten Regierungsjahren Diokletians begann. Allerdings erwies sich die kirchliche Struktur bereits als derart gefestigt, dass sie durch eine Verfolgung nicht mehr zu zerstören war. 311 beendete Galerius im Toleranzedikt von Nikomedia die Christenverfolgung und sanktionierte die Ausübung der christlichen Religion.
Die Ereignisse in den Jahren nach Diokletians freiwilligen Rücktritt 305 zeigten, dass sich das System der Tetrarchie letztlich nicht gegen die dynastische Idee durchsetzen konnte.
[Bearbeiten] Konstantin der Große und der Durchbruch des Christentums
Konstantin der Große, der Sohn des Tetrarchen Constantius Chlorus, setzte sich in dem blutigen Machtkampf durch, der kurz nach dem Rücktritt Diokletians 305 entbrannt war. 306 war er nach dem Tod seines Vaters von dessen Soldaten in York zum Kaiser ausgerufen worden, wurde von den anderen Tetrarchen aber nicht akzeptiert. Zuerst bekämpfte Konstantin Maxentius, den Sohn des Tetrarchen Maximian, der sich ebenfalls gegen die diokletianische Ordnung gestellt hatte. Im Zusammenhang des Machtkampfes zwischen Konstantin und Maxentius kam es 312 zur Schlacht an der Milvischen Brücke und zur Bekehrung Konstantins zum Christentum. Angeblich war ihm vor der Schlacht das Zeichen des Kreuzes erschienen und er hatte seinen anschließenden Sieg unter diesem Zeichen errungen.[3] Damit hatte Konstantin den Westen des Imperiums für sich gewonnen.
Nach 324 war Konstantin Alleinherrscher des Reiches, nachdem er auch seinen letzten Konkurrenten Licinius, mit dem er sich 313 noch verständigt hatte, ausgeschaltet hatte. Konstantin baute anschließend die Reformen Diokletians weiter aus. In der Verwaltung schuf er neue Hofämter, wandelte den praefectus praetorio in den höchsten Zivilbeamten um und führte zusätzliche Steuern ein. Im militärischen Bereich gehen das Amt des magister militum (Heermeister) und die endgültige Teilung des Heeres in ein Bewegungs- und ein Grenzheer auf ihn zurück. Unter seiner Herrschaft erfolgte auch der am weitesten reichende Schritt eines römischen Kaisers seit der Begründung des Prinzipats durch Augustus: Die Förderung des nur Jahre zuvor noch verfolgten Christentums als staatlich anerkannte und privilegierte Religion.
Konstantins eigenes Verhältnis zum Christentum – das er keineswegs schon zur Staatsreligion erhob – ist in der Forschung weiterhin umstritten. Am ehesten kann man ihn wohl als Anhänger des Christengottes bezeichnen, ohne dass dies etwas über seine Beziehung zu den anderen Kulten aussagen muss. Heiden konnten weiterhin ihre Kulte ausüben und hatten Zugang zu hohen Staatsämtern, wenn auch Christen bevorzugt wurden. Konstantin ließ seine Söhne im christlichen Glauben erziehen, machte der Kirche reiche Geschenke und stärkte die Macht der Bischöfe. Er sicherte des Weiteren die Rhein- und Donaugrenze. Er konnte die Goten in die Schranken weisen und schloss 332 einen Vertrag mit ihnen ab. Außenpolitisch stand das Reich unter ihm so gut da wie seit dem 2. Jahrhundert nicht mehr.
Ein weiteres wichtiges Ereignis in seiner Regierungszeit war die Errichtung einer neuen Hauptstadt: Konstantinopel, die „Stadt des Konstantin“, das Neue Rom, das 330 eingeweiht wurde. Damit verlagerte sich der Schwerpunkt des Reiches nach Osten, in die ökonomisch stärkere Hälfte des Imperiums. Kurz vor dem Beginn eines geplanten Feldzugs gegen das Sassanidenreich verstarb Konstantin in der Nähe von Nikomedia. Er ließ sich, wie zur damaligen Zeit keineswegs unüblich, erst kurz vor seinem Tod taufen.
[Bearbeiten] Das Ende der konstantinischen Dynastie
Nach dem Tod Konstantins 337 entbrannte ein blutiger Machtkampf, der die konstantinische Dynastie dezimierte (Säuberung von 337). Konstantins Sohn Constantius II. setzte sich schließlich 353 als Alleinherrscher durch, nachdem er den Usurpator Magnentius geschlagen hatte. Magnentius hatte 350 den Bruder des Constantius, Constans, ermordet. Der dritte überlebende Sohn Konstantins des Großen, Konstantin II., war bereits 340 im Kampf gegen Constans gefallen.
Constantius II. förderte im so genannten arianischen Streit die Homöusianer und war bei der Stabilisierung der Grenzen recht erfolgreich, auch wenn die Kämpfe gegen die Perser unter Schapur II. wechselhaft verliefen. Die durch den christologischen Streit entstandene Kluft innerhalb der Reichskirche konnte er aber nicht überbrücken. Für die Zeit ab 353 bis 378 steht uns das letzte große in Latein abgefasste Geschichtswerk der Antike zur Verfügung, die Kaisergeschichte des römischen Offiziers Ammianus Marcellinus. Sein Werk ist aber nicht völlig frei von Parteinahme, vor allem für Julian, den Vetter des Constantius. Dieser war auch bei dem von ihm geführten gallischen Heer sehr beliebt, sodass es bald zu Spannungen zwischen ihm und dem Kaiser kam. Julian, der die Rheingrenze wenigstens vorläufig wieder gesichert hatte, wurde 360 von den Truppen in Paris zum Kaiser ausgerufen, und nur der bald darauf folgende Tod des Constantius bewahrte das Reich vor einem neuen Bürgerkrieg.
Den neuen Kaiser, der hochgebildet und auch literarisch aktiv war, kennt die Nachwelt unter dem Namen Julian Apostata („Julian der Abtrünnige“), da er kurz nach seinem Regierungsantritt im Jahre 361 eine Renaissance des Heidentums einleitete. Diese hatte jedoch keinen nachhaltigen Erfolg, zumal Julians Versuch, aus den vielen Kulten eine vereinheitlichte heidnische Staatskirche zu schaffen, um so das Christentum zurückdrängen zu können, misslang. Nach dem Tod Kaiser Julians auf einem Feldzug gegen die Sassaniden im Jahr 363, der gleichzeitig eine der größten Militäroperationen der Spätantike darstellte, blieb das Christentum die beherrschende Religion.
Alle nachfolgenden Kaiser waren Christen, auch Julians direkter Nachfolger, der nur kurze Zeit regierende Jovian. Dieser konnte mit den Persern nach dem missglückten Feldzug seines Vorgängers Frieden schließen. Die unter Galerius eroberten Gebiete um Nisibis fielen im Frieden von 363 wieder an die Sassaniden. Der Osten wurde nun immer stärker christianisiert, aber auch der Westen, vor Konstantin weitgehend heidnisch, öffnete sich mehr und mehr dem Christentum, auch wenn es in der Folgezeit zu einer ganzen Reihe von schweren innerkirchlichen Krisen kam. Bereits zur Zeit Konstantins kam es zum Streit bezüglich der Donatisten und der Arianer, später kam im Osten noch das Problem der Monophysiten hinzu. Allerdings hielt sich das „Heidentum“ noch bis zum Ende der Spätantike, befand sich seit dem 4. Jahrhundert freilich auf dem Rückzug (siehe unten „Religiöse Entwicklungen außerhalb des Christentums“).
Außenpolitisch kam das Reich nicht mehr zur Ruhe. Am Rhein und entlang der Donau wurde es von Germanen und später von den Hunnen bedrängt, während im Osten die Gefahr durch die Sassaniden weiter bestand.
[Bearbeiten] Von Valentinian I. bis zum Tod Theodosius’ des Großen
Das Reich wurde seit Kaiser Valentinian I., der Jovian 364 nachfolgte, wieder von je zwei Kaisern regiert. Offenbar sah man sich ansonsten nicht in der Lage, der äußeren Bedrohung Herr zu werden.
Valentinian setzte seinen Bruder Valens im Osten ein und widmete sich selbst intensiv der Grenzverteidigung. Es gelang ihm denn auch, die Rhein- und Donaugrenze nachhaltig zu stabilisieren und mehrere militärische Erfolge zu verbuchen. Währenddessen ereigneten sich im Osten umwälzende Veränderungen. In den 70er Jahren des 4. Jahrhunderts setzte die Völkerwanderung in Europa ein: Die Hunnen, ein Volk aus Zentralasien, überrannten zunächst das Reich der Alanen am Kaspischen Meer und vernichteten um 375 das Gotenreich (Greutungen) Ermanarichs in der heutigen Ukraine. Anschließend drängten sie andere Völkerschaften, darunter auch die Donaugoten (Terwingen), nach Westen ab. Die vor den Hunnen über die Donau geflüchteten Goten unter Fritigern wurden zunächst vom Imperium aufgenommen, revoltierten dann aber aufgrund unzureichender Versorgung. Sie fügten dem Ostkaiser Valens am 9. August 378 in der Schlacht von Adrianopel eine vernichtende Niederlage zu, in der auch Valens fiel. Von manchen Zeitgenossen wurde diese Niederlage bereits als Zeichen des Niedergangs Roms interpretiert.
Gratian, der älteste Sohn Valentinians I. und seit dessen Tod 375 Kaiser im Westen, setzte daher 379 den aus Hispanien stammenden Theodosius als Kaiser im Ostteil des Imperiums ein. Theodosius übernahm denn die schwierige Aufgabe, den Osten des Reiches wenigstens vorläufig wieder zu stabilisieren. 382 schloss er einen Vertrag mit den Goten. Sie konnten im Reich bleiben und sollten als Soldaten (foederati) dienen, durften aber autonom bleiben. Dieser Gotenvertrag ebnete den Weg für die Reichsbildungen der Germanen innerhalb des Imperiums, stabilisierte aber vorläufig die Lage, da Theodosius nun wieder über ausreichend Truppen verfügen konnte.
387 folgte ein Vertrag mit Persien in Bezug auf den alten Zankapfel Armenien, welches seit Jahrhunderten zwischen den beiden Großmächten umstritten war. Rom erhielt etwa ein Fünftel, Persien den Rest des Landes (das so genannte Persarmenien). Mit dieser Lösung waren beide Seiten offensichtlich zufrieden, denn abgesehen von zwei kurzen Konflikten herrschte bis 502 Frieden zwischen Römern und Sassaniden. Die Ruhe an der Euphratfront sollte dann ein wesentlicher Grund dafür sein, dass die östliche Reichshälfte das fünfte Jahrhundert überstehen konnte. Darüber hinaus betrieb Theodosius eine antiheidnische Kirchenpolitik, für die ihm von den Christen später der Beiname der Große gegeben wurde.
Im Westen hatten sich währenddessen die Ereignisse überschlagen: Gratian, der einige erfolgreiche Feldzüge etwa gegen die Alamannen geführt hatte, wurde 383 infolge eines Soldatenaufstandes in Britannien, der sich rasch auf das Festland ausgebreitet hatten, in Lyon ermordet. Theodosius konnte sich mit dem Usurpator Magnus Maximus zunächst noch einigen, hat ihn schließlich 388 aber besiegt und hingerichtet. Daraufhin übergab er dem 17-jährigen Valentinian II., dem jüngeren Bruder Gratians, die Herrschaft im Westen. Der faktischen Macht des Heermeisters des Westens, des Franken Arbogast, hatte der junge Kaiser aber wenig entgegenzusetzen. Er fand 392 ein gewaltsames Ende durch Mord oder (wahrscheinlicher) Selbstmord.
Nach mehreren Wochen ohne westlichen Augustus ließ der heidnisch gesinnte Arbogast schließlich den Hofbeamten und Rhetor Eugenius zum Kaiser erheben; dieser verfolgte, obwohl selbst Christ, gegenüber den Altgläubigen eine relativ tolerante Politik. Diese Usurpation wollte Theodosius nicht akzeptieren, so dass er wieder nach Westen marschierte, wo er das Heer des Eugenius Anfang September 394 in der blutigen Schlacht am Frigidus vernichtend schlagen konnte. Eugenius wurde hingerichtet, woraufhin Arbogast sich das Leben nahm. Das Heidentum, welches Theodosius bereits 380/381 in mehreren Gesetzen empfindlich beeinträchtigt und durch weitergehende Gesetz in Jahren 391 und 392 verboten hatte, erhielt damit den endgültigen politischen Todesstoß bzw. verlor alle Hoffnung auf offizielle Duldung. Es sollte aber noch mindestens 200 Jahre lang eine beachtliche, allerdings abnehmende Zahl von Heiden im Römischen Reich geben.
Theodosius einte das Reich noch einmal für kurze Zeit, bevor es nach seinem Tod unter seinen Söhnen Honorius (im Westen) und Arcadius (im Osten) 395 zur endgültigen Reichsteilung kam. Die Zeitgenossen nahmen diese Teilung, die nur zufällig die letzte in einer ganzen Reihe war, allerdings nicht als besondere Zäsur wahr. Und tatsächlich wurde die prinzipielle Reichseinheit auch weiterhin betont. Die Gesetze der Kaiser galten jeweils im ganzen Reich und der Westkonsul wurde bis zum Erlöschen des Konsulats unter Justinian ebenso in Ostrom anerkannt wie umgekehrt der östliche im Westreich. Dennoch kam es seit 395 faktisch zu einer immer rascheren Auseinanderentwicklung der beiden Hälften. Der Westen stand dabei offenbar bereits um 400 ökonomisch schlechter da als der Osten.
[Bearbeiten] Von der Reichsteilung von 395 bis zur Eroberung Roms 410
Im Osten begann eine Periode relativen Friedens, der nur von gelegentlichen Kämpfen an der Donaufront (Hunnen und Germanen) sowie 420–422 und 441 durch zwei kurze Kriege gegen die Sassaniden gestört wurde. Erst in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts musste sich auch das Ostreich wieder verstärkt der Verteidigung seiner Grenzen zuwenden. Der Osten war wirtschaftlich weiterhin der stärkere Reichsteil und konnte noch immer große Summen Geldes mobilisieren. Der oströmischen Diplomatie gelang es offenbar auch, mehrere Angriffswellen nach Westen „umzuleiten“. Vor allem konnte der Einfluss der Heermeister, die oft barbarischer Abstammung waren, teils eingedämmt und schließlich zurückgedrängt werden. Arcadius und sein Sohn Theodosius II. waren zwar keine fähigen Herrscher, doch funktionierte die Verwaltung des Reiches weiterhin relativ reibungslos. Der zu Beginn der Regierungszeit des Arcadius mit dem Westreich aufgebrochene Konflikt um den Besitz des Illyricum konnte beigelegt werden.
Der erste Kaiser im Westen, Honorius, hatte eine Zeit lang, vom mächtigen Heermeister Stilicho gedrängt, sogar erwogen, gegen das Ostreich militärisch vorzugehen. Als die Reichsgrenze am Rhein zum Jahreswechsel 406/407 endgültig kollabierte (siehe Rheinübergang von 406) und sich eine wahre Flut von Germanen (so etwa Vandalen und Sueben, später auch Burgunden) und Alanen über das Westreich ergoss, musste er jedoch davon Abstand nehmen. 408 wurde Stilicho mit dem Wissen seines Schwiegersohnes Honorius umgebracht. Es zeigte sich wieder einmal, dass die Kaiser allzu mächtigen Militärs misstrauten – und dies nicht immer zu Unrecht.
Der Westen kam nicht mehr zur Ruhe. Von Germanen und Hunnen bedroht, zudem immer der Gefahr eines Putsches durch einen Heermeister ausgesetzt und teils von unfähigen Kaisern regiert, verlor das Weströmische Reich nach und nach seine wichtigsten Provinzen an die Germanen. Britannien ging zu Beginn des 5. Jahrhunderts verloren, während sich die weströmische Armee, die immer mehr durch die Aufnahme von Germanen barbarisiert worden war, nach dem Tod des Aëtius um die Mitte des 5. Jahrhunderts de facto selbst auflöste. Im Westen formierten sich ab der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts auf dem Boden des Imperium Romanum germanische Reiche (Vandalen, Westgoten, Franken, Angelsachsen, Ostgoten u.a.).
410 wurde gar Rom, zwar längst nicht mehr Hauptstadt des Westreiches, aber immer noch ein Prestigeobjekt, von den Westgoten unter Alarich geplündert. Dieser war schon zuvor im Ostreich aktiv gewesen, teils auf eigene Faust, teils als Verbündeter Stilichos, und wollte nun im Westreich für sein Volk neues Siedlungsland erkämpfen. Der Fall Roms war ein Fanal – für die Heiden war dies ein untrügliches Zeichen der Götter, die das Reich für die Abkehr vom alten Glauben bestrafen wollten. Augustinus von Hippo schrieb daraufhin sein großes Werk De Civitate Dei („Über den Gottesstaat“), als direkte Antwort auf diese Unterstellung.
[Bearbeiten] Stabilisierung im Osten und der Zusammenbruch des Westens
Die militärische Katastrophe war für den Westen mit dem Zusammenbruch der Rheingrenze 406 vollkommen, auch wenn die germanischen Heere in der Regel einer entschlossen geführten römischen Armee weiterhin nicht widerstehen konnten. Die wichtigsten Provinzen des Reiches gingen den weströmischen Kaisern (die seit Honorius in Ravenna residierten) verloren, indem die germanischen Foederaten angesichts der Schwäche der römischen Zentralregierung langsam eine faktische Unabhängigkeit von Ravenna erlangten. Die Westgoten wurden 418 in Aquitanien angesiedelt, wo sie dann bald nach 460 das formale Abhängigkeitsverhältnis zum Kaiser lösten. Sie errichteten einen Staat im Staate, was jedoch weitgehend im Einvernehmen mit der einheimischen Aristokratie geschah. Die Germanen traten schrittweise an die Stelle der römischen Zentralgewalt, ohne dass dies zunächst spürbare Folgen für die Bevölkerung der Gebiete gehabt zu haben scheint. Die exakten Modalitäten der Ansiedlung (erhielten sie Land oder einen Anteil an den Steuereinnahmen) werden noch in der Forschung diskutiert.[4] Es existierte seit etwa 455 aber ohnehin kein schlagkräftiges römisches Heer im Westen mehr. Die Westgoten nahmen in den folgenden Jahrzehnten mit den Sueben Hispanien in Besitz, während sich die Franken in der Belgica im Norden Galliens einrichteten.
Die Vandalen setzten 429 von Spanien nach Africa über und eroberten 439 Karthago. Sie entrissen so die reichste Provinz des Westreiches dem Zugriff des weströmischen Kaisers, der danach effektiv nur noch über Italien sowie Teile Galliens und Hispaniens herrschte. Die Gefahr der Hunnen unter Attila, die zuvor noch mit dem Westreich kooperiert hatten und diesem dadurch eine wenigstens kleine Ruhepause verschafft hatten, konnte jedoch durch den römischen Heermeister Aëtius, der seit den 430er Jahren der mächtigste Mann des Westreiches war, 451 in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern abgewendet werden. Aëtius hatte dabei aber bezeichnenderweise auch auf germanische Foederati zurückgreifen müssen. Die weströmische Armee war bereits im Verschwinden begriffen und löste sich nach seinem Tod faktisch auf. 454 ließ Kaiser Valentinian III., der letzte Kaiser des Westens aus der theodosianischen Dynastie, den General aus Furcht vor dessen Einfluss umbringen. Diesen Mord musste der Kaiser bald darauf mit seinem Leben bezahlen: Er wurde 455 von früheren Gefolgsleuten des Heermeisters ermordet.
Die nachfolgenden Kaiser im Westen waren zumeist unfähig, wenngleich Majorian oder Anthemius durchaus bemüht waren, wieder die Initiative im Kampf mit den Barbaren zu gewinnen. Nach dem Ende des Aëtius führte bis 472 der Magister militum Ricimer de facto alleine die Reichsgeschäfte im Westen. Er war auch für den Tod mehrerer Kaiser verantwortlich. Ricimer konnte durchaus einige kleinere Erfolge im Abwehrkampf Westroms verbuchen, dennoch wurde Rom 455 von den Vandalen geplündert. Eine gemeinsame Operation des West- und des Ostreiches gegen die Vandalen scheiterte dann 468, was zur Anerkennung des Vandalenreiches durch Ostrom führte.
Mit der Absetzung von Romulus Augustulus 476 durch Odoaker erlosch das weströmische Kaisertum, letzter legitimer Kaiser war allerdings Julius Nepos, der 480 in Dalmatien verstarb. Das Westreich war jedoch bereits seit der Reichsteilung, spätestens aber nach dem Zusammenbruch der Rheingrenze, kaum noch lebensfähig gewesen, wenn man auch den Zusammenbruch der kaiserlichen Herrschaft in Italien vielleicht nicht unterschätzen sollte; dass es im 6. Jahrhundert noch einmal kurzzeitig gelingen sollte, Italien und das Ostreich zu vereinen, war kaum abzusehen. In Nordgallien hielt sich aber noch bis 486 ein gallo-römisches Restreich, das von Aegidius und Syagrius beherrscht wurde. Die Könige der germanischen Foederatenreiche sahen nun den oströmischen Kaiser als ihren nominellen Oberherren an.
Denn der Osten des Imperiums erwehrte sich weitaus erfolgreicher der äußeren Bedrohung. Kaiser Markian, der 450 die Nachfolge Theodosius’ II. angetreten hatte, verweigerte gar den Hunnen den Tribut. Er schaffte es, dass sie ihre Angriffe gegen das Westreich richteten – nicht zuletzt wohl deshalb, weil der Hunnenkönig Attila wusste, dass die oströmischen Balkanprovinzen bereits verwüstet und ausgeblutet waren. Die übrigen Provinzen des Ostens befanden sich aber nicht in Reichweite von Hunnen oder Germanen, da die starke Festung Konstantinopel den Hellespont kontrollierte, und ein Übersetzen von Europa nach Asien verhinderte. An der römischen Ostgrenze konnte mit den Sassaniden, die selbst von hunnischen Völkern bedroht wurden, bis 502 Frieden gehalten werden, was eine große Entlastung darstellte, da die Regierung in Konstantinopel daher ungestört auf die Einkünfte der reichen Orientprovinzen zurückgreifen konnte.
Das daher ökonomisch leistungsfähigere und dichter bevölkerte Oströmische Reich konnte sich im Gegensatz zum Weströmischen Reich behaupten. Offenbar gelang es dem Staat hier bereits früh, weitaus besser auf seine Ressourcen zurückzugreifen. Im fünften Jahrhundert betrugen die östlichen Staatseinnahmen ein Vielfaches der westlichen. Kaiser Leo I. schaltete zudem mit Hilfe des späteren Kaisers Zenon den gotischen Heermeister Aspar aus. Viele germanische Soldaten in römischen Diensten wurden in der Folge erschlagen und die Kaiser griffen bei der Rekrutierung fortan wieder weitaus stärker auf Reichsangehörige zurück. Diese stammten aber meist aus jenen Gebieten, die am wenigsten romanisiert waren. Zenon, der selbst Isaurier war, konnte dann nicht zuletzt mit Hilfe dieses halbbarbarischen Volkes die militärische Lage des Oströmischen Reiches weiter verbessern. Er legte damit den Grundstein für die Vormachtstellung, die die Kaiser des folgenden Jahrhunderts im Mittelmeerraum einnehmen sollten.
Zenon schloss 488 einen Vertrag mit dem Ostgotenkönig Theoderich und schickte ihn im Jahre 489 nach Italien. Die Hintergründe sind allerdings umstritten. Der Kaiser profitierte jedenfalls insofern, als er eine potentielle Gefahr umleitete, während Theoderich Zugriff auf neues und reiches Siedlungsland erlangte. Theoderich, den man später aufgrund seiner Leistungen „den Großen“ nannte, gelang es bald, das gesamte Land unter seine Kontrolle zu bringen. 493 ermordete er Odoaker und regierte formal als Statthalter des Kaisers in Italien, wobei er jedoch eine sehr eigenständige Politik betrieb. Im Ostgotenkönigreich hielt man an der römischer Verwaltungspraxis fest, während das Land kulturell eine späte Blütezeit erlebte (siehe auch Boëthius).
[Bearbeiten] Das sechste Jahrhundert: Oströmische Hegemonie
Im Osten dauerte die Antike bis ins siebte Jahrhundert, und der Einfluss des noch immer römisch-antik geprägten Reiches auf die Geschicke im Westen war im ganzen sechsten Jahrhundert erheblich. Kaiser Anastasios I. befreite den oströmischen Staat kurz vor 500 vom Einfluss der Isaurier und hinterließ aufgrund einer klugen Wirtschaftspolitik seinen Nachfolgern den gewaltigsten Staatsschatz in der römischen Geschichte. Er bekämpfte erfolgreich Usurpationsversuche und betonte in der Religionspolitik die Unterschiede zur päpstlichen Position. Erst sein Nachfolger Justin I. beendete 519 das Akakianische Schisma, das die Kirchen von Konstantinopel und Rom etwa 30 Jahre lang getrennt hatte. Er verschärfte durch diese Wiederannäherung an den Westen aber den Konflikt mit den Monophysiten.
Justins Neffe Justinian I., eine der großen Herrschergestalten der Spätantike, konnte dann seit 534 eine offenbar großangelegte Restaurationspolitik betreiben. Diesem Versuch der Wiederherstellung des Imperiums war ein zwar nur beschränkter, aber dennoch zunächst erstaunlicher Erfolg beschieden: Mit Nordafrika, Italien und Südspanien wurden die Kerngebiete des Reiches wieder der römischen Herrschaft unterworfen. Allerdings gingen wichtige Teile Italiens, welches erst nach harten Kämpfen erobert worden war, bald nach Justinians Tod wieder an die Langobarden verloren. Zudem wurde das Reich seit 541 von einer verheerenden Pest heimgesucht, was offenbar zu einer demografischen und – daraus folgend – ökonomischen wie militärischen Krise führte. Im Osten musste sich Justinian außerdem gegen die Perser zur Wehr setzen, deren König Chosrau I. sich zum großen Gegenspieler des Kaisers entwickelte. Dennoch erlebte die spätantike Kultur unter Justinian einen letzten Höhepunkt. Die auf seinen Befehl hin vorgenommene Kodifikation des römischen Rechts erwies sich als dauerhafte Errungenschaft und der kaiserliche Machtanspruch wurde auch von den meisten verbliebenen Germanenreichen (möglicherweise mit Ausnahme des Frankenkönigs Theudebert I.) akzeptiert. Als Justinian 565 nach 38-jähriger Herrschaft starb, war Ostrom ungeachtet aller Krisensymptome die Vormacht der Mittelmeerwelt.
Im Oströmischen Reich bestand das Imperium Romanum staatsrechtlich fort. Ebenso lebte dort die Zivilisation der Antike weiter. Das kulturelle Leben im Osten erfuhr in den nachfolgenden Jahrhunderten aber einen Wandel und das Reich ging schon recht bald nach Justinian, der als letzter Kaiser Latein zur Muttersprache hatte, eigene Wege. Eine Reihe innerer Reformen ließen das Reich langsam seinen spätrömischen Charakter verlieren. Hinzu kam der stetig zunehmende äußere Druck. Zwischen 540 und 630 befand sich Ostrom die meiste Zeit in einem immer verbissener geführten Krieg mit dem Sassanidenreich, der nur von zwei kurzen Friedensperioden (562 bis 572 und 591 bis 602) unterbrochen wurde (siehe Römisch-Persische Kriege). Anderthalb Jahrzehnte nach dem Sturz von Kaiser Maurikios, der 591 einen günstigen Frieden mit Persien schließen konnte und recht erfolgreich gegen Awaren und Slawen auf dem Balkan vorgegangen war, gingen die Balkanprovinzen weitgehend an Awaren (und Slawen) verloren (siehe Landnahme der Slawen auf dem Balkan). Der letzte Kaiser, der noch aktiv und wirksam in die Geschicke des Westens eingreifen konnte, war der in den Quellen übel beleumundete Phokas.
[Bearbeiten] Das siebte Jahrhundert: Der „Untergang“ der Alten Welt
In den ersten Jahren des 7. Jahrhunderts tobte der „letzte große Krieg der Antike“ (James Howard-Johnston). Die Sassaniden eroberten von 603 bis 619 zeitweilig Ägypten, Syrien und Teile Kleinasiens. Das Ostreich schien kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen. Nur unter größten Anstrengungen gelang es schließlich Kaiser Herakleios im Jahr 622 eine erfolgreiche Gegenwehr einzuleiten. Die Perser, die noch 626 vergeblich Konstantinopel belagert hatten, wurden Ende 627 in der Schlacht von Ninive entscheidend geschlagen. Großkönig Chosrau II. wurde daraufhin im Februar 628 entthront und ermordet. Die Sassaniden traten die eroberten Gebiete wieder an Ostrom ab, während Persien im Chaos versank.
Das militärisch und ökonomisch erschöpfte Oströmische Reich konnte der in den 30er Jahren des 7. Jahrhunderts beginnenden Expansion der Araber nur noch wenig entgegensetzen. Die Oströmer unterlagen 636 in der Schlacht am Jarmuk und verloren in den folgenden Jahren wiederum ihre Ost- und Südprovinzen, diesmal aber endgültig.[5] Zuletzt fiel 698 auch das oströmische Karthago. Die Reste des jetzt gänzlich gräzisierten Reiches befanden sich in den folgenden Jahrzehnten in einem verzweifelten Abwehrkampf, so dass die Kaiser den Westen weitgehend sich selbst überlassen mussten. Um die Mitte des 7. Jahrhunderts (nicht jedoch unter Herakleios, wie noch die ältere Forschung annahm) entstand aufgrund der unablässigen Abwehrkämpfe die Themenordnung, in der militärische und zivile Aufgaben gebündelt wurden. Die kurzzeitige Verlegung der kaiserlichen Residenz nach Italien unter Konstans II. blieb Episode. Auch das kulturelle Leben veränderte sich: So gingen viele Städte unter, andere wandelten sich zu wesentlich kleineren, befestigten Siedlungen – das kastron stellte nun in vielen Teilen des Reiches den einzigen urbanen Lebensmittelpunkt dar.
Als sich die Lage im späten achten Jahrhundert wieder stabilisiert hatte, war aus dem spätantiken Ostrom endgültig das mittelalterliche, griechische Byzanz geworden, das sich noch Jahrhunderte behaupten konnte. Die Perser hingegen wurden 636/37 und 642 von den Arabern vernichtend geschlagen. Der letzte Großkönig Yazdegerd III. wurde 651 ermordet, womit das Sassanidenreich aufhörte zu bestehen.
[Bearbeiten] Von der antiken Welt ins Mittelalter
Im Verlauf des sechsten Jahrhunderts kam es im Westen zu einer langsamen Transformation hin zu einer germanisch-romanischen Welt. In Britannien ging die römische Kultur allerdings wohl schon bald nach der Eroberung durch die Angeln, Sachsen und Jüten unter, die ursprünglich nach dem Abzug der kaiserlichen Truppen um 407 von der römischen Bevölkerung als Föderaten ins Land gerufen worden waren. Nur in Wales wurden noch im 6. Jahrhundert lateinische Inschriften gesetzt. Das Tolosanische Reich der Westgoten, welches sich seit dem späten 5. Jahrhundert auch auf ganz Hispanien ausbreitete, ist hingegen in vielerlei Hinsicht ein Beispiel für die Symbiose von spätrömischer Gesellschaft und germanischer Herrschaft. Die Westgoten verloren den größten Teil Galliens bereits 507 an die Franken und zogen sich weitgehend auf die iberische Halbinsel zurück. Hauptstadt wurde nun Toledo (Toledanisches Reich). Ihr Reich wurde indes im frühen 8. Jahrhundert von den nach Norden drängenden Muslimen überrannt und ausgelöscht. Das von Geiserich in Nordafrika begründete Reich der Vandalen erlebte im 5. Jahrhundert eine Blüte, geriet dann aber unter immer stärkeren Druck durch maurische Stämme und fiel 533 dem Angriff einer oströmischen Armee unter Belisar zum Opfer.
In Italien hatte der Ostgote Theoderich der Große sein Reich weiterhin nach römischem Muster führen lassen, doch verschwand das Ostgotenreich um die Mitte des 6. Jahrhunderts im Zuge der von Justinian I. eingeleiteten Restauratio imperii. Als die Langobarden dann 568 große Teile Italiens eroberten, war dies die letzte germanische Reichsgründung auf weströmischem Boden und damit zugleich das Ende der großen Völkerwanderung. Der weströmische Senat verschwand am Ende des Jahrhunderts aus den Quellen.
Nur eine einzige der germanischen Reichsgründungen der ersten Stunde hatte letztlich dauerhaften Bestand, das Frankenreich der Merowinger. Wohl im Jahre 498 hatte sich der Frankenkönig Chlodwig I. taufen lassen und damit das römische Erbe in Gallien angetreten. Die Geschichte des Frankenreiches geht bereits fließend ins Mittelalter über, sodass es schwer fällt, hier klare Schnitte zu setzen (siehe auch Gallo-römische Kultur).
Noch lange akzeptierten die Germanenreiche in der Regel die oströmische Oberhoheit. Ihre Herrscher bemühten sich um kaiserliche Anerkennung und die Verleihung römischer Titel. Ein Symbol dafür, dass nur der Kaiser und der sassanidische Großkönig wahrhaft souveräne Monarchen waren, war unter anderem das Privileg, das Herrscherbild auf Goldmünzen zu prägen. Im sechsten Jahrhundert wurde dies auch noch von den meisten Germanenkönigen akzeptiert. Sie setzten ihr eigenes Porträt nur auf die Silbermünzen. Nur der Merowingerkönig Theudebert I. ließ Goldmünzen mit seinem Bildnis prägen. All dies änderte sich erst grundlegend, als die Kaiser seit etwa 600 durch die Angriffe der Perser und Araber zu sehr geschwächt waren, um weiter im Westen aktiv zu werden. Die arabische Invasion zerstörte zudem endgültig die freilich nur noch bedingt gegebene Einheit der Mittelmeerwelt (siehe auch Islamische Expansion und vgl. Pirenne-These). Auch die Kontakte zwischen Konstantinopel und dem Westen lockerten sich nun zusehends.
Das Frühmittelalter nahm in den folgenden Jahrzehnten langsam Gestalt an. Im Westen kam es parallel zu einem schleichenden kulturellen Niedergang, wie unter anderem am Rückgang der Schriftlichkeit oder dem Verfall der Städte ersichtlich. Oft wurde antikes Schriftgut nur in Klöstern wie Cassiodors Vivarium gerettet, wobei der Schwerpunkt auf dem Erhalt christlicher Werke lag. Viele Regionen des ehemaligen Reichs fielen in völlige Überlieferungslosigkeit zurück, so dass die Rede von dunklen Jahrhunderten zwischen ca. 560 und 800 nicht unberechtigt ist, auch wenn es große regionale Unterschiede gab. In der neueren Forschung wird aber betont, dass teils auch durchaus eine gewisse Kontinuität gegeben war.[6]
Völlig entschwunden waren die Antike und die klassische Zivilisation dem Mittelalter nicht, wenn es auch unbestreitbar zu einem dramatischen Verlust an Kulturgütern und einem Niedergang der materiellen Kultur kam, der jedoch regional unterschiedlich ausgeprägt war und im Westen früher auftrat als in Ostrom. Dennoch fungierte gerade die Kirche als Übermittler des (freilich nun christlich tradierten und "gefilterten") antiken Bildungsguts (vgl. unter anderem bereits Augustinus, Boëthius, Cassiodor), wobei man sich vor allem auf Isidor und Martianus Capella stützte. Es kam zwar zu einer deutlichen Umorientierung der Bildung (weg von der klassischen Paideia), doch bewirkte dies auch gleichzeitig eine relative kulturelle Einheitlichkeit der frühmittelalterlichen Welt. Diese Einheitlichkeit erstreckt sich freilich nur auf die Zeugnisse der christlich-mönchischen „Hochkultur“, die spätere Jahrhunderte der Überlieferung würdig fanden.
Andererseits ist für die nachfolgende Zeit oft nicht einmal das Fortbestehen der wichtigen Bistümer gesichert. Köln weist etwa eine Lücke in seiner Bischofsliste zwischen etwa 400 bis in die Mitte des 6. Jahrhunderts auf. Dennoch scheint die materielle und wirtschaftliche antike Kultur manchenorts auch im Norden, zum Beispiel in Trier, länger weitergelebt zu haben, als dieses Dunkel der Geschichte erwarten lässt. Das Mittelalter erhob sich nicht überall zur gleichen Zeit aus diesem Dunkel. Das fränkische Mittelalter mit der merowingischen Reichsgründung und dynastischen Konsolidierung auf den Fundamenten der römischen Verwaltungsstrukturen setzte bereits sehr früh ein. Römische Städte weiter im Norden und Nordosten hatten ein anderes Schicksal. So wird Wien (spätantik Vindomina oder Vindomana) zuletzt bei Jordanes in seiner Gotengeschichte genannt und erst 881 ist von der Stadt (nun Wenia) wieder die Rede.
Siehe auch: Ende der Antike
[Bearbeiten] Soziokultureller Grundriss
[Bearbeiten] Kulturelles Leben
Die spätantike Literatur zeigte lange Zeit kaum qualitative Anzeichen des Niedergangs. Mit der Umstellung der Buchproduktion von Papyrus auf Pergament um 400 waren bestimmte Autoren von der Überlieferung ausgeschlossen. Im Osten brach die Kontinuität der klassischen Bildung auch im Frühmittelalter nie vollständig ab (siehe Bücherverluste in der Spätantike). Gerade die syrische Literatur brachte nun einige bedeutende Werke hervor. In der lateinische Literatur ragen das letzte große lateinische Geschichtswerk der Antike, die Res gestae des Ammianus Marcellinus und die Dichtungen Claudians heraus, obwohl beide aus dem hauptsächlich griechischsprachigen Osten stammten. Der letzte lateinische Epiker von Rang war dann Corippus, der im 6. Jahrhundert das stilistisch an Vergil orientierte Werk Johannis verfasste.[7]
Auch in Gallien und Spanien blühte noch lange eine stark rhetorisch geprägte Dichtkunst, etwa die des Ausonius. Der Gallo-Römer Sidonius Apollinaris schrieb Lobreden und Briefe, die einen detaillierten Einblick in die letzten Tage der gallo-römischen Kultur ermöglichen. Um 600 sammelte Isidor von Sevilla, der letzte große lateinische Gelehrte der Spätantike, das ihm noch erreichbare Wissen des Altertums und vermittelte es damit in Grundzügen der mittelalterlichen Welt.
Die christliche Philosophie brachte mit dem Trost der Philosophie des Boëthius und den Schriften des Kirchenvaters Augustinus Werke von weltliterarischem Rang hervor. Der berühmte und hochgebildete Rhetor Marius Victorinus konvertierte 355 unter großem Aufsehen zum Christentum und widmete sich anschließend etwa der Kommentierung des Neuen Testaments. Die Literatur setzte sich vielfach auch zum Ziel, die klassischen römischen Texte durch gleichwertige christliche Gegenentwürfe zu ersetzen, wie Prudentius mit seinem Werk Psychomachia. Man schuf aber auch neue Formen (etwa die Hymnen des Ambrosius und die Werke des Arator). Im Gegenzug versuchten Vertreter der „alten“ Bildung, diese in philologischer Arbeit zu bewahren und zu sammeln, wenn auch Christen daran beteiligt waren. Zu den Vertretern der alten Bildung gehörte beispielsweise Quintus Aurelius Symmachus und der Symmachuskreis, zu dem unter anderem Virius Nicomachus Flavianus und Vettius Agorius Praetextatus zu rechnen sind, Donat, Servius und Macrobius. Der Nordafrikaner Martianus Capella unternahm nach 470 einen letzten Versuch, das pagan-römische Wissen in einer großen Götterallegorie zusammenzufassen. Der absolute Wahrheitsanspruch des Christentums hatte jedoch einen nachhaltigen Einfluss auf die Überlieferung.
Der bedeutendste griechische Historiker der Spätantike war fraglos Prokopios von Caesarea. In Ostrom blühte die antike Geschichtsschreibung noch bis ins frühe 7. Jh. (Theophylaktos Simokates), bevor sie schließlich im Zuge des Niedergangs der antiken Kultur infolge der Abwehrkämpfe Ostroms gegen die Araber erlosch. Im Osten des Reiches sind daneben besonders die Redner Libanios und Themistios hervorzuheben, während hier im Bereich des Neuplatonismus bis ins sechste Jahrhundert hinein eine Fülle von philosophischen Werken entstanden. Neben Plotin (der zeitlich gesehen strenggenommen nicht zur Spätantike zählt) sei nur an