Ockhams Rasiermesser – Wikipedia

Ockhams Rasiermesser

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Wilhelm von Ockham - Skizze aus einem Summa logicae-Manuskript von 1341 mit der Inschrift frater Occham iste

Ockhams Rasiermesser ist das Sparsamkeitsprinzip in der Wissenschaft. Es besagt, dass von mehreren Theorien, die den gleichen Sachverhalt erklären, die einfachste zu bevorzugen ist.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Name

Die englische Bezeichnung lautet Occam’s Razor (oder auch parsimony), die lateinische novacula Occami, die traditionelle deutsche Ockhams Skalpell; bei Condillac findet man 1746 die französische Formulierung rasoir des nominaux.

Diese Regel wurde im 19. Jahrhundert zwar nach Wilhelm von Ockham (1285–1347) benannt, obwohl Ockham selbst nie ausdrücklich ein solches Prinzip aufgestellt und benannt hat, sondern es eher implizit in seinen Schriften gebraucht. Die Bezeichnung Occam's Razor für dieses Sparsamkeitsprinzip taucht erst im 19. Jahrhundert beim Mathematiker William Rowan Hamilton auf und in der u. a. von John Stuart Mill geführten Diskussion um dessen Wissenschaftstheorie.

[Bearbeiten] Geschichte

Die Idee, die einfachste Erklärung zu bevorzugen, ist sehr viel älter und reicht zurück bis zu Aristoteles. Meist wurde sie damit begründet, dass die Natur immer den einfachsten Weg wählen würde[1]. Ockham dagegen lehnte diese Argumentation ab, da sie die Allmacht Gottes limitieren würde, Gott könne nämlich genauso gut den kompliziertesten Weg wählen[2]. Er richtete den Fokus auf die Theorien und benutzt Sparsamkeit als ein Kriterium der Theorienkonstruktion, wo überflüssige Elemente eliminiert werden sollten und die einfachere von zwei Theorien, welche beide dasselbe Phänomen erklären können, gewählt werden soll[3].

[Bearbeiten] Einfach ist am besten

Die bekannteste Formulierung besagt, dass Entitäten nicht über das Notwendige hinaus vermehrt werden dürfen“ (lat. Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem oder sine necessitate). Sie wurde 1654 vom Philosophen Johannes Clauberg (1622–1665) geprägt. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet das:

  1. Von mehreren Theorien, die die gleichen Sachverhalte erklären, ist die einfachste allen anderen vorzuziehen.
  2. Eine Theorie ist im Aufbau der inneren Zusammenhänge möglichst einfach zu gestalten.

In der Form „non sunt multiplicanda entia sine necessitate“ wird dieses Prinzip schon 1639 von dem Scotisten Johannes Poncius zitiert.

Das ockhamsche Sparsamkeitsprinzip fordert, dass man in Hypothesen nicht mehr Annahmen einführt, als tatsächlich benötigt werden, um einen bestimmten Sachverhalt zu beschreiben und empirisch nachprüfbare Voraussagen zu treffen. Ein Hintergedanke ist dabei auch, dass Hypothesen mit wenigen Annahmen einfacher zu falsifizieren sind als komplexere Hypothesen.

Der Zusatz „Rasiermesser“ ist als Metapher zu verstehen: Die einfachste Erklärung ist vorzuziehen, alle anderen Theorien werden wie mit einem Rasiermesser wegrasiert. Ockhams Rasiermesser ist heute ein Prinzip der wissenschaftlichen Methodik.

[Bearbeiten] Auslegung

Nicht ganz klar ist bei Ockhams Rasiermesser, was einfach und kompliziert bedeutet. Es geht hier nach überwiegender Auffassung weniger um die einfache Nachvollziehbarkeit des Erklärungsmodells, als um die Art und Qualität der erforderlichen unüberprüfbaren Annahmen (Axiom). Im Zweifel wird die kürzeste Darstellung als die einfachste betrachtet.

Beispiel: Nach einem Sturm sieht man einen umgefallenen Baum. Aus den Beobachtungen „Sturm“ und „umgefallener Baum“ lässt sich die einfache Hypothese ableiten, dass „der Baum vom starken Wind umgeweht“ wurde. Diese Hypothese erfordert nur eine Annahme, nämlich dass der Wind den Baum gefällt hat, nicht ein Meteor oder ein Elefant. Die alternative Hypothese „der Baum wurde von wilden, 200 Meter großen Außerirdischen umgeknickt“ ist nach Ockhams Rasiermesser weniger hilfreich, da sie im Vergleich zur ersten Hypothese mehrere zusätzliche Annahmen erfordert. Zum Beispiel die Existenz von Außerirdischen, ihre Fähigkeit und ihren Willen, interstellare Entfernungen zu bereisen, die Überlebensfähigkeit von 200 m hohen Wesen bei irdischer Schwerkraft usw.

Dabei ist zu beachten, dass dieses Sparsamkeitsprinzip keine Aussage über die Gültigkeit von Erklärungsmodellen macht, sondern nur ein Kriterium für die Güte von Theorien ist. Schließlich könnte der Baum theoretisch auch unter besagten Umständen zu Fall gekommen sein.

Ein weiteres Beispiel betrifft die ersten organischen Moleküle, die zur Entstehung des Lebens auf der Erde nötig waren. Vergleicht man die These, dass diese Moleküle auf der Erde entstanden sind, mit der These, dass diese Moleküle außerirdischen Ursprungs sind, so stellt man fest, dass die zweite These mehr Annahmen benötigt als die erste. Beide Thesen benötigen die Annahme, dass es am Entstehungsort Bedingungen gab, durch die die Elemente die entsprechenden Bindungen eingehen konnten. Darüber hinaus benötigt die zweite These weitere Annahmen wie zum Beispiel:

  1. In der Nähe der Erde oder unseres Sonnensystems gibt es einen Ort, an dem alle benötigten Elemente zusammen vorkommen,
  2. irgendetwas hat dazu geführt, dass die dort entstandenen Moleküle auf die Erde gelangt sind
  3. ohne beim Eintritt in die Erdatmosphäre zu verglühen.

Ockhams Rasiermesser besagt nicht, welche der Thesen zutrifft, sondern welche von mehreren möglichen zu bevorzugen ist.

Verallgemeinert ausgedrückt geht es bei Ockhams Rasiermesser darum, zu vermeiden, dass unnötige Hypothesen in die Welt gesetzt werden, dass es nicht erforderlich ist, mehrere Annahmen einzuführen, wenn eine weniger oder eine Annahme zur Erklärung genügt, und dass, wenn mehrere Hypothesen konkurrieren, diejenige zu bevorzugen ist, die mit der geringsten Zahl von Voraussetzungen auskommt, um etwas zu erklären.

Eines der berühmtesten Beispiele der Überlegenheit des Einfachheitsprinzips ist das heliozentrische Weltbild von Galileo Galilei. Es konnte die Bewegungen der Himmelskörper sehr viel einfacher erklären als die komplizierten Berechnungen aufgrund des ptolemäischen Weltbildes. Dass es sich dann zuerst in allen nicht religiösen Lebensbereichen und zeitverzögert auch für die katholische Kirche als zutreffend durchsetzte, ist aber keine logisch zwingende Folge seiner Einfachheit.

[Bearbeiten] Prinzip der Vielfalt

Walter Chatton war ein Zeitgenosse von Wilhelm von Ockham, der eine Gegenposition zu Ockhams Sparsamkeitsprinzip einnahm. Als Antwort formulierte er sein Gegenprinzip: „Wenn drei Dinge nicht genug sind, um eine klare Aussage über etwas zu treffen, muss ein viertes hinzugefügt werden, und so weiter.“ Obwohl verschiedene andere Philosophen seit Ockhams Zeiten ähnliche Gegenprinzipien zum Rasiermesser vorgeschlagen haben, gewannen sie nie eine solche Bedeutung. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) formulierte ein Prinzip der Vielfalt (so benannt von Arthur O. Lovejoy). Die Idee dahinter ist, dass Gott die Welt mit der größtmöglichen Vielfalt von Lebewesen geschaffen habe. Immanuel Kant (1724–1804) formulierte in seinem Gegenprinzip, dass die Vielfalt der Dinge nicht voreilig vermindert werden solle. Karl Menger (1902–1985) findet Mathematiker zu geizig im Umgang mit Variablen und formulierte sein Gesetz gegen die Armseligkeit, das eine der beiden Formen annimmt: „Entitäten dürfen nicht bis zur Unangemessenheit reduziert werden“ und „es ist sinnlos mit weniger zu tun, was mehr erfordert“.

Tatsächlich ist es so, dass Ockhams Rasiermesser erst dann angesetzt werden kann, wenn mehrere Theorien vorhanden sind, die die gewünschte Erklärung in gleicher Tiefe liefern können. Eine kompliziertere Theorie, die den Gegenstand besser erklärt, kann daher einer einfacheren vorgezogen werden. So ist die Relativitätstheorie komplizierter als die klassische Mechanik, kann aber auch mehr erklären.

Eine der Anwendungen des Vielfaltprinzips war das "ptolemäische Weltbild". Es führte zur Epizykeltheorie, die kontinuierlich umso komplexer werden musste, je genauer die astronomischen Beobachtungen wurden. Das kopernikanische Weltbild dagegen konnte denselben Sachverhalt mit deutlich weniger Annahmen erklären.

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Literatur

  • Wolfgang Hübener: Ockham’s Razor not Mysterious. In: Archiv für Begriffsgeschichte 27 (1983), S. 73–92 (grundlegende begriffsgeschichtliche Studie; belegt die 'Erfindung' des Ausdrucks in der frühneuzeitlichen Philosophiegeschichtsschreibung)
  • H. J. Cloeren: Art. Ockham’s razor. In: J. Ritter/K. Gründer/G. Gabriel (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 6 (1984), Sp. 1094-1096 (berücksichtigt aber nicht die substantiellen frühneuzeitlichen Belegstellen bei Hübener 1983)
  • Armand A. Maurer: Ockham’s razor and Chatton's anti-razor. 1984
  • Armand A. Maurer: Ockham’s razor and dialectical reasoning. In: Medieval studies. 58/1996. S. 49–56
  • Phil Mole: Ockham's Razor cuts both ways: The Uses and Abuses of Simplicity in Scientific Theories. In: Skeptic. 1/10. S. 40–47

[Bearbeiten] Quellen

  1. Robert Grosseteste argumentiert z.B. in dieser Weise, wenn er in einer Abhandlung zu dem Schluss kommt, dass für alle Lichtstrahlen, welche in ein optisch dichteres Medium eindringen, der Brechungswinkel gleich dem halben Einfallswinkel entsprechen würde.
  2. John Losee, A historical introduction to philosophy of science. Oxford University Press, 1977
    heute würde man hier mit dem Induktionsproblem argumentieren, nach dem es keine Begründung gibt unter verschiedenen Theorien, welche alle mit einer gegebenen Evidenzlage vereinbar sind, eine als wahr oder wahrscheinlicher auszuzeichnen; das Problem der Begründung des Sparsamkeitsprinzip ist also mit dem Induktionsproblem eng verknüpft.
  3. Man kann seine Auffassung als Vorläufer moderner Versuche eine Antwort auf das Induktionsproblem zu geben, wie etwa Identifikation im Limes oder auch ähnliche Konzepte wie "Rule of Success" auffassen. Hier werden Suchstrategien entwickelt, bestehend aus Regeln zur Theorienkonstruktion bzw. Theorienauswahl, so dass eine als exisierend angenommene "wahre" Theorie sicher gefunden wird, oder wenigsten im Grenzwert erreicht wird.

[Bearbeiten] Weblinks

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