Doggerland – Wikipedia

Doggerland

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Doggerland bildete bis zum Meeresanstieg nach der Weichseleiszeit eine zusammenhängende Landmasse zwischen den Britischen Inseln und Kontinentaleuropa, die von mittelsteinzeitlichen Jägern und Sammlern besiedelt war. Benannt wurde das versunkene Land nach der Doggerbank, einer ausgedehnten Untiefe in der Nordsee, rund 100 Kilometer vor der britischen Ostküste und 125 bis 150 Kilometer von der dänischen Westküste.

Satellitenaufnahme der Nordsee, rot umrandet die Doggerbank

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Topographie

Das Doggerland genannte, ungefähr 23.000 Quadratkilometer große Gebiet lag in der südlichen Nordsee und verband das damalige Kontinentaleuropa – Niederlande, die Westküste von Deutschland und Dänemark – mit der Ostküste Großbritanniens.

Zu Beginn des Pleistozäns und vor der Weichseleiszeit mündete der Rhein nördlich der Doggerbank in den Atlantik, wie rund 65 Mio. Jahre alte Ablagerungen (Schluff) aus dem Känozoikum in East Anglia vermuten lassen. Daher wird vermutet, dass die Europäische Hauptwasserscheide die Themse, die Seine und den Rhein in einem gemeinsamen Bett im damals trockenen Ärmelkanal in den Atlantik münden ließ.[1]

Während der Weichseleiszeit waren enorme Wassermengen im Eis der Gletscher gebunden: Der Meeresspiegel lag regressionsbedingt bis zu 120 Meter tiefer und die Küstenlinien verliefen vor etwa 12.000 Jahren rund 600 Kilometer nördlicher als heute. Weite Teile der Nordsee lagen trocken. Am Ende der Weichseleiszeit lag der Meeresspiegel etwa 60 Meter unter dem heutigen Normalnull. Die Küste verlief immer noch nördlich der Doggerbank. Die südliche Nordsee war Festland, die Britischen Inseln und das europäische Festland bildeten eine zusammenhängende Landmasse.

In den folgenden Jahrtausenden stieg das Wasser, wobei dieser Anstieg im Laufe der Zeit an Geschwindigkeit abnahm. Vor etwa 9.850 bis 7.100 Jahren wurden Teile des Elbe-Urstromtals überflutet. Der südliche Teil der Nordsee – zwischen der Doggerbank und dem Ärmelkanal – war ein Binnensee, in den die Flüsse und nordeuropäischen Gletscher entwässerten. Als in der Mittelsteinzeit um etwa 6500 v. Chr. die Kreidefelsverbindung zwischen Dover (Weald) und Calais (Pas-de-Calais) erodierte, floss das Wasser dieses Süßwassersees durch den Ärmelkanal in den Atlantik ab. Der Meeresspiegel stieg weiter an, so dass Britannien zur Insel wurde.[2] Das Wattenmeer entstand ungefähr im selben Zeitraum, und in der darauf folgenden Zeit wechselten Phasen stärkeren Wasseranstiegs (Transgression) mit Wassersenkung (Regression).[3]

Ausgelöst hat die Veränderungen der Zusammenbruch des Nordamerikanischen Inlandeises, des damals ausgedehntesten Eisschilds auf der Nordhalbkugel. Dies trug zu Anfang des Mittelholozäns zu einem raschen Anstieg des Meeresspiegels um etwa 120 Meter (im Vergleich zum Minimalstand der Eiszeit) bei. Damit ging zum einen die Überflutung weiter Küstenräume einher und letztlich bildeten sich die heutige Küstenlinien aus, (Flandrische Transgression, Dünkirchener Transgression). Zum anderen wurden einige Nebenbecken des Atlantiks überspült und so zu Nebenmeeren. Um 5000 v. Chr. (womöglich auch früher) wurden die Dänischen und Britischen Inseln vom europäischen Festland getrennt; ein Vorgang, der durch eine lange Serie von verheerenden Sturmfluten vonstatten ging und in dessen Folge auch die Ostsee zu einem Nebenmeer des Atlantiks wurde.

Die University of Birmingham hat im Rahmen des Forschungsprojekts Mapping Doggerland von Professor Vince Gaffney[4] und seinen Kollegen des Visual and Spatial Technology Centre (VISTA) eine flache Landmasse von rund 23.000 Quadratkilometern in einem Computermodell nachgebildet, mit einem weitverzweigten Netz von Flussläufen, einer Vielzahl kleiner Seen und einem zentralen Süsswasser-Binnenmeer. Die Daten für das Projekt lieferte die norwegische Firma Petroleum Geo-Services ASA (PGS); ihr Kerngeschäft ist die geophysikalische Untersuchung von Meeresböden.[5][6]

[Bearbeiten] Archäologische Erforschung

Seit die Nordsee systematisch mit Schleppnetzen befischt wird, haben sich wiederholt Knochen von Landtieren verfangen. Der britische Paläobotaniker Clement Reid (1853–1916) begann Endes des 19. Jahrhunderts die ungewöhnlichen Funde systematisch zu untersuchen.[7] Zu den dem Gebiet zugeordneten Funden gehört auch eine prähistorische Harpune mit kunstvollen Verzierungen, deren Alter mehr als zehntausend Jahre betragen soll.[8]

1998 veröffentliche Prof. Bryony J. Coles, Privatdozent an der Archäologischen Fakultät der University of Exeter,[9] die ersten Ergebnisse seiner Forschungen und initiierte das Doggerland Project. Dieses fördert die weitere interdisziplinäre Erforschung des versunkenen Landteils: Schwerpunkte sind die Auswertung der geologischen Untersuchungen in der Nordsee und weiterer Daten und deren Interpretierung im Hinblick auf die kulturgeschichtliche Entwicklung der nordeuropäischen Bevölkerung der späten Altsteinzeit bis in die Jungsteinzeit. Ein erstes Ergebnis ist das erwähnte Computermodell von Doggerland, der nächste Schritt ist die Vorbereitung einer gezielten archäologischen Untersuchung möglicher Siedlungsplätze respektive Fundstellen.[6]

[Bearbeiten] Kulturgeschichtliche Bedeutung

Harpunenformen aus der Steinzeit, hier dem Magdalénien; (1: Mas d’Azil, 2: Bruniquel, 3, 4, 5: La Madeleine; 6, 7: Lortet), teilweise mit eingesetzten Mikrolithen.

Für die Menschen der Mittelsteinzeit bildete die Doggerbank eine gerade nur 90 Meter hohe langgezogene Erhebung; das europäische Festland erholte sich noch weitgehend von den sich zurückziehenden Eispanzern, sodass die Landfläche für die menschliche Besiedlung im Mesolithikum bis vor 8.000 Jahren optimale Bedingungen geboten haben könnte. Im wärmer werdenden Klima des Holozäns wich die Tundrenvegetation der Eiszeit zunehmend einer Bewaldung, zunächst durch Birken und Kiefern, später auch Eichen, Buchen, Erlen und anderen. Die Tundra breitete sich dementsprechend nach Norden in bis dahin unwirtliche Gebiete von polarer Kältewüste aus.[10] Die bisherige Forschung lässt auf eine fruchtbare Landmasse schließen, welche bis vor rund 8.000 Jahren gemäß bislang vereinzelten archäologischen Einzelfunden von mittelsteinzeitlichen Jägern und Sammlern bewohnt war.[6][11]

Die tundra–ähnliche Landschaft bot in der Mittelsteinzeit vermutlich optimale Lebensbedingungen für Tiere und Pflanzen, mit einem reichhaltigen Nahrungsangebot, insbesondere in und entlang den zahlreichen Flüssen und dem großen Binnensee wohl auch intensiver Fischfang. Die Menschen lebten in Mitteleuropa während des Mesolithikums weitgehend von der Jagd, verstärkt auf einzelne Beutetiere anstatt auf Herden wie in der Altsteinzeit, sowie von pflanzlicher Nahrung. Die Siedlungsweise zeichnete sich wohl bereits durch reduzierte Mobilität bei zunehmender Konzentration von Niederlassungen an Gewässerküsten und entlang von Wasserläufen sowie durch komplexere und stärker hierarchisch organisierte Sozialstrukturen aus. Landwirtschaft und damit verbunden dauernde Sesshaftigkeit war das Hauptmerkmal der rund 3.000 Jahre nachfolgenden Jungsteinzeit. Mit dem Rückzug der eiszeitlichen Gletscher stiegen die Meeresspiegel, das Land hob sich an, das bewohnbare Gebiete schrumpfte, und vermutlich entstanden als Folge des schrumpfenden Lebensraums dauerhaft bewohnte Siedlungen. Doggerland verschwand vor rund 8.000 Jahren: Zunächst versalzten die Uferwiesen, wurden immer feuchter, bis sie ganz unter Wasser lagen und die mittelsteinzeitlichen Bewohner sich neue Lebensräume suchten mussten.

[Bearbeiten] Rezeption

Ein Mammut-Unternehmen, Teil fünf der BBC-Dokumentation Die Erben der Saurier, ist teilweise auf der trocken liegenden Nordsee angesiedelt, ebenso die Folge Britain’s Drowned World der Archäologie-Dokumentation Time Team von Channel 4.[12]

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. ↑ Berliner Morgenpost (16. September 2006): Ärmelkanal war vor 20.000 Jahren ein Fluss
  2. ↑ B. J. Coles: Doggerland: A speculative survey. Proceedings of the Prehistoric Society Band 64, S.45–81. Department of Archaeology (Hrsg.), School of Geography and Archaeology, University of Exeter. Exeter, 1998. ISSN 0079-497X (englisch)
  3. ↑ Karl Heinz Behre: Die Schwankungen des mittleren Tidehochwassers an der deutschen Nordseeküste in den letzten 3000 Jahren nach archäologischen Daten. In: Coastline Reports 1–2004
  4. ↑ Website VISTA, Professor Vincent Gaffney (englisch) Professor Vincent Gaffney ist Inhaber des Lehrstuhls in Landscape Archaeology and Geomatics an der University of Birmingham, Leiter des The Institute of Archaeology and Antiquity und Direktor des HP Visual and Spatial Technology Centre (VISTA) in Edgbaston, Birmingham, Großbritannien.
  5. ↑ Petroleum Geo-Services (englisch)
  6. ↑ a b c The University of Exeter, Department of Archaeology: Doggerland Project (englisch)
  7. ↑ Western Kentucky University: Chrono–Biographical Sketch Clement Reid (englisch)
  8. ↑ The lost world: Doggerland
  9. ↑ University of Exter, Department of Archaeology: Prof Bryony Coles BA MPhil FSA
  10. ↑ Hubert H. Lamb: The Course of Postglacial Climate, in: Anthony F. Harding (Hrsg.), Climate Change in the Later Prehistory, Edinburgh 1982, 11–33, ISBN 0-85224-425-8
  11. ↑ University of Saskatchewan, W. Patterson: Coastal Catastrophe (paleoclimate research document) PDF–Datei (englisch)
  12. ↑ Channel 4: Britain’s Drowned World, Time Team, Erstausstrahlung am 24. April 2007 (englisch)

[Bearbeiten] Literatur

  • V. Gaffney, K. Thomson, S. Fitch (Editoren): Mapping Doggerland: The Mesolithic Landscapes of the Southern North Sea. Archaeopress, 2007.
  • B.J. Coles: Doggerland: the cultural dynamics of a shifting coastline. In: K. Pye and S.R.L. Allen (Hrsg.): Coastal and Estuarine Environments: Sedimentology, Geomorphology and Geoarchaeology, S. 393–401. Geological Society Special Publication No. 175. The Geological Society, London, 2000.
  • B.J. Coles: Doggerland’s loss and the Neolithic. In: B. Coles, J. Coles and M. Schon Jorgensen (Hrsg.): Bog Bodies, Sacred Sites and Wetland Archaeology, S. 51–57. WARP Occasional Paper 12. Exeter, 1999.
  • B.J. Coles: Doggerland: a speculative survey. Proceedings of the Prehistoric Society 64, S. 45–81. (Awarded Baguley Prize), Exeter, 1998.
  • Laura Spinney: Archaeology: The lost world. In: Nature, 454, 151-153, July 2008 doi:10.1038/454151a

[Bearbeiten] Weblinks

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